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Das prekäre Leben
Thorsten Stegemann 02.05.2007
Wird Deutschland zum Billiglohn-Sektor mit befristeten Perspektiven?
Junge Akademiker zwischen Praktikum und Prekariat
Mit dem Vertrauen in die Leistungsfähigkeit des deutschen
Bildungssystems ist vielfach auch die Hoffnung zerstört worden, dass
eine effiziente, nachweislich zielorientierte und qualitativ
vermeintlich hochwertige Ausbildung auf geradem Wege zum angestrebten
Traumjob führt. Die Realität sieht - trotz sinkender Arbeitslosigkeit
und galoppierendem Wirtschaftswachstum - anders aus. Facharbeiter
finden oft jahrelang keine adäquate Beschäftigung, Selbstständige
stehen immer öfter und schneller vor dem finanziellen Ruin, und
Hochschulabsolventen werden mit unschöner Regelmäßigkeit
zwischengeparkt, um in Praktika, Volontariaten und befristeten
Arbeitsverhältnissen erste Erfahrungen zu sammeln, die den
Auftraggebern nicht selten und ganz nebenbei Spitzenleistungen zu
Dumpinglöhnen sichern.
Ein willkürliches Beispiel: Allein das kleine Bundesland Bremen
verzeichnet nach Angaben der örtlichen Arbeitnehmerkammer (1) 69.500
Mini-Jobber, 20.000 Vollzeitbeschäftigte mit Niedriglöhnen, rund 30.000
Arbeitnehmer mit befristeten Verträgen und fast 6.000 Leiharbeiter,
3.000 Ein-Euro-Jobber, etwa 4.500 Vollzeiterwerbstätige, die zusätzlich
Alg II beantragen - und obendrein noch "eine nicht unerhebliche Zahl"
von Scheinselbstständigen und Ich-Ags. Zwischen 1999 und 2006 ist die
Zahl der sozialversicherungspflichtigen Arbeitsverhältnisse hier von
280.000 auf 271.800 zurückgegangen.
Vor kurzem erschienen zwei Untersuchungen, die diese Phänomene nun aus
der Sicht junger Akademiker beleuchten - obwohl sie keineswegs allein
davon betroffen (2) sind - und zu sehr unterschiedlichen Ergebnissen
kommen. Die Hochschulinformations-System GmbH ( HIS (3)) ist nach einer
Umfrage (4) unter mehr als 10.000 Hochschulabsolventinnen und
-absolventen des Jahrgangs 2005 zu der Ansicht gelangt, dass die
vieldiskutierte "Generation Praktikum", die seit nunmehr fünf Jahren
eine wichtige Rolle in der öffentlichen Diskussion (5) spielt, kein
Massenphänomen darstellt und somit schon der Begriff der Grundlage
entbehrt. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (6) ist dagegen
der Meinung (7), dass Entwicklungen, die bislang vorwiegend im
Niedriglohnbereich für gering Qualifizierte zu beobachten waren, auf
den gesamten Bildungssektor übergreifen. Die Gewerkschaft moniert, dass
sich die Vergütung für hochwertige Leistungen - wenn denn überhaupt
eine solche gezahlt wird - mitunter auf der Höhe des Stundenlohns
ungelernter Arbeiter bewegt.
Ist der Berufseinstieg über Praktika doch kein Regelfall?
Die Befragung einzelner Absolventengänge in verschiedenen Städten hatte
bislang die Vermutung nahegelegt, dass etwa 37 Prozent der
Absolventinnen und Absolventen nach ihrem Studium ein Praktikum von
durchschnittlich sechs Monaten Dauer absolvieren, welches nicht selten
voll in den Unternehmensablauf eingeplant ist und keineswegs zwingend
zur erhofften Festanstellung führt.
Nach einer Untersuchung an der Freien Universität Berlin und der
Universität Köln (8) wurde lediglich jedem dritten Praktikanten ein
entsprechendes Angebot unterbreitet - 34 Prozent gingen auch
dreieinhalb Jahre nach dem Abschluss ihres Studiums noch befristeten
Beschäftigungen nach, 16 Prozent arbeiteten freiberuflich oder
selbständig, vier Prozent waren mittlerweile arbeitslos.
Das HIS kommt zu deutlich erfreulicheren Ergebnissen. Demnach
absolviert nur jeder achte (Fachhochschule) respektive jeder siebte
(Universität) Absolvent nach dem Studium tatsächlich ein Praktikum.
Gestaffelt nach Fachrichtungen bewerben sich Biologen und
Wirtschaftswissenschaftler, aber auch Sprach- und Kulturwissenschaftler
sowie Psychologen besonders häufig um eine entsprechende Anstellung.
Von einer weiten Verbreitung der sogenannten "Kettenpraktika" oder
"Praktikumskarrieren" kann nach Einschätzung des HIS allerdings keine
Rede sein. Nur jeder zehnte Fachhochschul- und jeder fünfte
Universitätsabsolvent durchläuft gleich zwei oder noch mehr Praktika.
Auch das Niveau der geleisteten Arbeit bewerteten rund zwei Drittel mit
"gut" oder "sehr gut", allein bei der Bezahlung fielen die
Zufriedenheitswerte "deutlich ab".
Mit dieser Neubewertung steht das HIS nicht allein. Auch das
Bayerische Staatsinstitut für Hochschulforschung und Hochschulplanung
(9) und Wissenschaftsminister Thomas Goppel (CSU) halten die
"Generation Praktikum" bestenfalls für ein "Übergangsphänomen". Nach
der Auswertung eines Absolventenpanels mit 13.200 Teilnehmern ist man
hier fest davon überzeugt (10), dass der Berufseinstieg über Praktika
kein Regelfall ist und überdies weit besser funktioniert als gemeinhin
angenommen wird.
Während in Bayern unermüdlich die Sonne scheint, sehen die
Wissenschaftler des HIS trotzdem Problem auf studierte Arbeitssuchende
zukommen. Sie liegen ihrer Meinung nach jedoch eher im Bereich der
befristeten Beschäftigungsverhältnisse, der unterwertigen Beschäftigung
sowie der schlechten Bezahlung. Im Sommer soll zu diesem Thema eine
weitere Studie erscheinen.
Billiglohn im Bildungssektor
Dass die Formen des befristeten, unterbezahlten Arbeitens allerdings
oft kaum voneinander zu trennen sind und immer häufiger zu Anstellungen
führen, auf die der Begriff Ausbeutung allemal zutrifft, zeigt die
Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft in ihrem Themenschwerpunkt
Prekariat. Dabei sind sich die Autoren durchaus darüber im Klaren, dass
"die Erosion traditioneller, sozialversicherungspflichtiger
Beschäftigungsverhältnisse" schon in den 70er Jahren begonnen hat.
Allerdings betraf sie zunächst vorwiegend niedrigqualifizierte und
ungelernte Arbeitskräfte. Mittlerweile hat sich an dieser Situation
Entscheidendes geändert. Junge Menschen mit Abitur, Hochschulausbildung
und auch solche mit abgeschlossener Promotion oder Habilitation
übernehmen zunehmend Tätigkeiten, die nicht nur befristet sind und weit
unter Tarif bezahlt werden, sondern obendrein keinerlei Perspektive auf
eine dauerhafte Anstellung bieten.
So verweisen die Autoren auf die von der Berliner Senatsverwaltung
initiierte Anwerbung von Lehrern, die sich Bildungssenator Jürgen
Zöllner (SPD) als energisches Vorgehen gegen Unterrichtsausfall
anrechnen (11) lässt. Doch hinter der zeitgeisttauglichen, chic
inszenierten Idee einer pädagogischen Feuerwehr, die schnell wieder
ausgemustert werden kann, häufen sich menschliche und fachliche
Probleme. Eine fundierte, auf langfristige Lernziele angelegte
Unterrichtsplanung ist für die Lehrer auf Zeit ebenso unmöglich wie die
Entwicklung einer persönlichen Lebensperspektive.
Die GEW nennt das Beispiel einer jungen Lehrerin, die nach ihrem
"Casting" einen Vertrag unterschreiben wollte, dann aber von der
Nachricht überrascht wurde, dass die kranke Kollegin, für die sie hätte
einspringen können, schon wieder gesund sei. Als sie sich gerade von
der Absage erholt hatte, bekam sie die Nachricht, dass ein anderer
Lehrer einen Hörsturz erlitten habe und sie nun doch Mitglied des
Kollegiums sei - bis der Erkrankte seinen angestammten Platz wieder
einnehmen könne.
Aus Nordrhein-Westfalen werden Fälle studierter Pädagogen berichtet,
die in einer der neuen "offenen Ganztagsschulen" täglich vier Stunden
lang Kinder betreuen. Ihnen bleiben am Monatsende knapp 900 Euro, so
dass sich viele einen Zweitjob organisieren müssen und noch froh sein
können, wenn ihnen wenigstens ein unbefristeter Arbeitsvertrag
angeboten wird. Mit weniger privilegierten Kollegen werden nämlich auch
Vereinbarungen für zehneinhalb Monate abgeschlossen - in den Ferien
können die Mitarbeiter dann sehen, wo sie bleiben.
In den Einrichtungen werden allerdings nicht nur pädagogische
Fachkräfte, sondern auch Eltern und Familienangehörige und überdies
Studenten, Ein-Euro- und 400-Euro-Jobber beschäftigt. Hier gilt also
nach wie vor die Beschreibung, welche die Friedrich Ebert-Stiftung
(12) in ihrer wegweisenden Untersuchung Prekäre Arbeit. Ursachen,
Ausmaß, soziale Folgen und subjektive Verarbeitungsformen unsicherer
Beschäftigungsverhältnisse (13) vorgeschlagen hat:
--Die Nachfrage nach gemeinnütziger Arbeit in Ein- und Zwei-Euro-Jobs,
wie wir sie in vielen Regionen erleben, liefert ein anschauliches
Beispiel für die widersprüchliche Wirkung solcher
Beschäftigungsverhältnisse. Faktisch handelt es sich bei diesen Jobs um
eine moderne Variante von Scheinarbeit. Scheinarbeit deshalb, weil die
ökonomische (Existenzsicherung) und die gesellschaftliche Funktion
(Anerkennung gesellschaftlicher Nützlichkeit) von Erwerbsarbeit bei
dieser Beschäftigungsform entkoppelt sind. Und doch ist vielen
Langzeitarbeitslosen selbst eine solche Form der Scheinarbeit lieber
als ein andauerndes passives Verharren in der "Zone der
Entkoppelung".-- Friedrich Ebert-Stiftung: Prekäre Arbeit
Prekäre Arbeitsverhältnisse in Weiterbildung und Wissenschaft
"Prekär" gestalten sich auch viele Arbeits- und Lebensverhältnisse in
den Bereichen Weiterbildung sowie Wissenschaft und Forschung. Eine
Studie des Bundesministeriums für Bildung und Forschung kam bereits
2005 zu dem Schluss (14), dass in den deutschen
Weiterbildungseinrichtungen 1.350.000 Beschäftigungs- und
Tätigkeitsverhältnisse registriert sind, aber nur 185.000 auf
sozialversicherungspflichtige Beschäftigungsverhältnisse entfallen. Die
rund 150.000 Honorarlehrkräfte, die in diesen Einrichtungen tätig sind,
sammeln ihr Einkommen im Durchschnitt bei fünf Auftraggebern und können
so mit einigem Recht als "pädagogische Wanderarbeiter" bezeichnet
werden. Ihr monatliches Haushaltsnettoeinkommen variiert von durchaus
beruhigenden 2.500 Euro und mehr (44%) über 1.500 bis 2.500 Euro (30%)
bis zur Spannbreite 750 bis 1.500 Euro (22%). 6% haben weniger als 750
¤ zur Verfügung.
Viele Lehrbeauftragte an deutschen Universitäten und Fachhochschulen
können selbst davon nur träumen. Nach einer Untersuchung (15) der
Soziologin Irmtraud Schlosser, die im vergangenen November
veröffentlicht wurde, empfinden 72% der Berliner Lehrbeauftragten ihre
Situation als "prekär". Dabei stört die befristeten Lehrkräfte nicht
nur das finanzielle Ungleichgewicht zwischen der Bezahlung der eigenen
und der Vergütung der vom hauptamtlichen Personal erbrachten
Leistungen. Sie klagen außerdem über die fehlende berufliche und
gesellschaftliche Integration, mangelnde Planungssicherheit und einen
erheblichen Motivationsverlust, der durch die fortgesetzte Abkopplung
von den wichtigen Netzwerken der wissenschaftlichen Kommunikation
verursacht wird.
So entsteht ein seltsam trauriges, weil offenbar aussichtsloses
Szenario - nicht nur, aber eben auch in der renommiersüchtigen
Bundeshauptstadt:
--In den aktuellen hochschulpolitischen Diskussionen spielen sie keine
Rolle. Sie haben kein Arbeitsverhältnis mit den Hochschulen und auch
kein anderes Vertragsverhältnis. Die Hochschule erteilt ihnen einseitig
einen Lehrauftrag, jeweils für ein Semester. Für die
Lehrveranstaltungsstunde erhalten sie überwiegend zwischen 21,40 ¤ und
30 ¤. Vor- und Nachbereitungszeiten werden nicht bezahlt. Dabei stellen
die ca. 4.000 Lehrbeauftragten zahlenmäßig die drittgrößte Gruppe
innerhalb des wissenschaftlichen und künstlerischen Personals der
Berliner Hochschulen. An den Universitäten erbringen sie im Schnitt 10
% der Regellehre, an den künstlerischen Hochschulen und den
Fachhochschulen zwischen 22 und 50 %. (...)
Insgesamt ist die Einkommenssituation schlecht. 60 % verfügt über ein
persönliches monatliches Nettoeinkommen von lediglich bis zu 1.000
Euro, 23 % von sogar nur unter 600 ¤. Die Bezahlung pro
Lehrveranstaltungsstunde beträgt bei 80 % aller Befragten maximal 30
Euro. (...)
Bei der Frage nach der sozialen Absicherung (also Kranken- und
Rentenversicherung) gaben nur 9 % an, dass sie sich ausreichend sozial
abgesichert fühlen, fast 60 % verneinten diese Frage.-- Irmtraud
Schlosser
Potenzielle Nachwuchswissenschaftler verdingen sich dank Hartz IV aber
mittlerweile auch als Ein-Euro-Jobber und sind im ungünstigsten Fall
gezwungen, ihre Dienste ganz ohne Bezahlung anzubieten. Wer auf eine
qualifizierende Maßnahme, eine Mitarbeiterstelle oder eine Professur
wartet, muss in der Regel vor Ort präsent sein und Lehrerfahrungen
vorweisen. Der Hochschule kann´s recht sein.
Ob das auch für die Gesellschaft als Ganzes gilt, darf allerdings
bezweifelt werden. Wenn der Trend zu prekären Lebens- und
Beschäftigungsverhältnissen anhält, bedeutet das nicht nur
einschneidende Folgen für den Arbeitmarkt, die sozialen
Sicherungssysteme und die Volkswirtschaft insgesamt. Auch die Qualität
des (Aus)Bildungssystem ist massiv von dieser Entwicklung betroffen,
und die Familienpolitik könnte hier an faktische Grenzen stoßen, wenn
sie gerade junge Akademiker dazu bewegen will, die negative
Geburtenentwicklung der vergangen Jahre umzukehren. Wer für sich selbst
keine verlässliche Perspektive sieht, hat schließlich kaum eine Chance
und Motivation, weit über die eigenen, aktuellen Lebensumstände
hinauszuplanen.
LINKS
(1) http://www.arbeitnehmerkammern.de
(2) http://doku.iab.de/kurzber/2007/kb0707.pdf
(3) http://www.his.de
(4) http://www.his.de/pdf/22/generationpraktikum.pdf
(5) http://www.zeit.de/2005/14/Titel_2fPraktikant_14
(6) http://www.gew.de
(7) http://www.gew.de/42007_Schwerpunkt_Prekaritaet.html
(8) http://www.heise.de/tp/r4/artikel/24/24571/1.html
(9) http://www.ihf.bayern.de
(10) http://www.stmwfk.bayern.de/presse/meldung.asp?NewsID=821
(11)
http://www.berlinwahl.spd.de/servlet/PB/menu/1674053/f1705981-e1707229.h
tml
(12) http://www.fes.de
(13) http://library.fes.de/pdf-files/asfo/03514.pdf
(14)
http://www.bmbf.de/pub/berufliche_und_soziale_lage_von_lehrenden_in_weit
erbildungseinrichtungen.pdf
(15)
http://www.gew-berlin.de/documents_public/061130_Lehrbeauftragte_Dokumen
tation_Umfrage.pdf
Telepolis Artikel-URL: http://www.heise.de/tp/r4/artikel/25/25173/1.html
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