[heise] heise online: Russland auf IT-Aufholjagd
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Wed May 2 08:24:47 UTC 2007
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02.05.2007 09:45
Russland auf IT-Aufholjagd
Russland hat beim Zugang zu Wissen und insbesondere in der Forschung zu
neuen Informations- und Kommunikationstechniken einen erheblichen
Nachholbedarf. Das räumte Irina Bogdanowskaja, IT-Beraterin des
russischen Parlaments[1], auf der Yale-Konferenz "Zugang zu Wissen"
(A2K2[2]) in New Haven ein. Bogdanowskaja ist Professorin an der
Moskauer Wirtschaftsuniversität und Mitglied des russischen Komitees
des UNESCO-Programms "Information for All".
Die Wissenschaftlerin beklagte insbesondere die starke Rolle des
Staates in diesem Bereich. Dies sei in Russland zwar traditionell,
lasse aber häufig Initiativen aus der Privatwirtschaft und der
Zivilgesellschaft nur wenig Raum für eigene und unabhängige
Entwicklung. Insgesamt stimmten die Proportionen nicht. Unter den 100
reichsten Unternehmern Russlands sei kein einziger, der der IT- und
Computer-Branche im engeren Sinne auch nur annähernd zugerechnet werden
könne. Der IT-Sektor sei gegenwärtig fast ausschließlich staatlicher
Natur. Auch in der Forschung in diesem Bereich gibt es kaum größere
nicht-staatliche Projekte.
Das von der Regierung vor geraumer Zeit aufgesetzte Programm "I-Russia"
sehe zwar die Schaffung eines auf dem Prinzip der "public-private
partnership" basierenden Innovationsfonds vor, aber der private Sektor
habe sich bislang mit Investitionen in diesen Bereich zurückgehalten,
betonte Bogdanowskaja. Langfristig beeinträchtige dies die
wirtschaftlichen Perspektiven Russlands im Prozess der Globalisierung.
Man könne nicht ewig von höheren Einnahmen aus Öl und Gas leben.
Gründe für diese disproportionale Entwicklung sei unter anderem auch
das bislang eher schwach ausgebildete System des Schutzes von Patenten
und geistigem Eigentum. Nicht zuletzt unter Druck der westlichen
Staaten[3] bei der Vorbereitung der WTO-Mitgliedschaft Russlands sei es
aber immerhin in den letzten Jahren zu einer Trendwende gekommen. Noch
vor zehn Jahren seien die Strafverfolgungsbehörden in ganz Russland
lediglich 47 Beschwerden nachgegangen, wobei es in nicht mehr als acht
Fällen auch zu einer Verurteilung gekommen ist. Im Jahr 2004 seien
diese Zahlen immerhin auf 823 Untersuchungen und 353 Verurteilungen
geklettert. Im vergangenen Jahr 2006 wurde nun 5126 Fällen nachgegangen
und 3833 Verletzungen von geistigen Eigentumsrechten auch geahndet.
Noch sei Russland aber lange nicht dort, wo es nach den Maßstäben der
WTO sein sollte, erklärte Bogdanowskaja: In einem Bericht des
US-Handelsministerium wurden Russland und China als die größten
Sünder[4] mit dem meisten Nachholbedarf aufgeführt.
Bogdanowskaja räumte aber ein, dass eine striktere Strafverfolgung bei
Verletzungen des geistigen Eigentums alleine noch kein produktives
Innovationsklima schaffe. Es habe auch negative Seiteneffekte, weil
stärkere staatliche Kontrolle auch kreative Freiräume einschränke und
sich dämpfend auf nicht-staatliche Initiativen auswirke. Das daraus
entstehende Dilemma einer Verlangsamung der Innovationsrate werde sich
möglicherweise noch verstärken als Folge der auch in Russland spürbaren
negativen demographischen Entwicklung; im Jahr 2010 wird die Zahl der
Schulkinder im Vergleich zu 2002 um mehr als fünf Millionen
zurückgegangen sein. Wenn es zu keiner drastischen Wende in der
Bildungspolitik komme, befürchtet Bogdanowskaja, sinke auch die Zahl
der Studenten und damit die zukünftiger Wissenschaftler – zumal
Russland bereits heute erheblich unter einem Wissenschaftlermangel als
Folge anwachsenden "Brain Drains" vor allem im Bereich Informatik und
IT-Technik leide. Gerade in diesen Disziplinen würden die fähigsten
Absolventen der russischen technischen Hochschulen Russlands das Land
verlassen und einen gut bezahlten Job in den USA, in Europa oder in
Indien suchen.
Zur 2. Konferenz "Access to Knowledge" der Yale University siehe auch:
Ein Internet "des Volkes, durch das Volk und für das Volk"[5]
Zensur als Handelshemmnis?[6]
Internet-Suchmaschinen als Datensammler für Strafverfolger und
Wirtschaft[7]
Access To Knowledge Conference 2007 (A2K2)[8], Website der Konferenz
(Wolfgang Kleinwächter) /
(jk[9]/c't)
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