[heise] heise online: Der Billionen-Dollar-Organismus
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Tue Jun 12 15:51:38 UTC 2007
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12.06.2007 10:07
Der Billionen-Dollar-Organismus
Mycoplasma genitalium, das natürliche Vorbild für Venters synthetisches
Bakterium
J. Craig Venter, der Mann, der mit seiner Firma Celera
Genomics die Sequenzierung des menschlichen Genoms in ein
medienwirksames Wettrennen verwandelte, ist erneut dabei, die
Biotechnik-Welt aufzumischen. Mit dem nach ihm benannten J. Craig
Venter Institute hat er am 31. Mai beim US-Patentbüro ein Patent auf
die erste vollständig synthetische Lebensform angemeldet[1]: das
Bakterium Mycoplasma laboratorium. Dabei handelt es sich um eine
Variante des natürlichen Mycoplasma genitalium.
Im Unterschied zu diesem enthält die Laborvariante nur ein
Minimal-Genom aus 381 Protein codierenden Genen, die für
Stoffwechsel, Wachstum und Fortpflanzung unbedingt nötig sind also
101 Gene weniger als die natürliche Form. Das Genom würde zuvor
synthetisiert und in einen Bakteriencorpus eingepflanzt, dessen Genom
vorher entfernt wird. Das Grundprinzip hat Venter zusammen mit dem
Nobelpreisträger Hamilton Smith und Kollegen bereits im Januar 2006 im
Journal PNAS publiziert[2].
Mycoplasma laboratorium wäre der vorläufige Höhepunkt des noch jungen
Forschungsgebietes der Synthetischen Biologie[3], die gentechnisch
manipulierte Einzeller in kontrollierte Biomaschinen verwandeln will.
Die sollen als winzige Fabriken für Chemikalien ebenso wie als autonom
agierende Agenten für medizinische Zwecke genutzt werden. Mycoplasma
ist hier besonders interessant, weil es das Bakterium mit dem kleinsten
Genom ist - das in der Forschung ebenfalls beliebte E.coli-Bakterium
enthält etwa zehn Mal so viele Gene, was seine Komplexität erhöht.
Unklar ist bislang, ob das Venter-Institut bereits ein lebensfähiges
Mycoplasma laboratorium herstellen konnte. Heather Kowalski, die
Pressesprecherin des Instituts, will dies nicht bestätigen: Wir haben
noch keine entsprechende Bekanntmachung herausgebracht. Wenn es ein
entsprechendes Paper gibt, werden wir dies der Presse mitteilen.
Doch so unspektakulär, wie Kowalski es darstellt, ist die Angelegenheit
nicht. Denn die Anmeldung des Patents genügt zumindest in den USA,
vergleichbare Arbeiten anderer Forschungsgruppen für einige Zeit zu
blockieren solange nämlich die Anmeldung geprüft wird. Jim Thomas von
der kanadischen ETC Group, die seit einigen Jahren Entwicklungen in
Bio- und Nanotechnik kritisch begleitet, befürchtet, dass hiermit der
Grundstein zu einem weit reichenden Monopol für die Biomaschinen der
Zukunft gelegt werden soll: Die Frage ist: Wird Venters Unternehmen zu
einem Microbesoft der Synthetischen Biologie? Venter versuche, so
Thomas, eine Art Betriebssystem für Biomaschinen zu patentieren.
Der Inhalt der Patentschrift hat es jedenfalls in sich. Sie
beansprucht Patentschutz nicht nur für die 381 Gene des Minimalgenoms
und jeden Organismus, der auf ihrer Basis hergestellt wird. Auch jede
andere synthetische Variante eines Mycoplasma-Bakteriums, die auf
mindestens 55 der 101 unwesentlichen Gene verzichtet, würde darunter
fallen.
Wenn man von einem anderen nicht mit Mycoplasma verwandten
Organismus ausgeht, sollten theoretisch andere Gene überflüssig sein.
Solange man aber versucht ein Minimalgenom-Bakterium herzustellen, das
auch nur entfernt mit Mycoplasma verwandt ist, wird man wahrscheinlich
in den Schutzbreich des Patents fallen, urteilt Marcus Graf vom
internationalen Biotechnik-Unternehmen Geneart in einer ersten
Stellungnahme. Tatsächlich enthält die Gattung Mycoplasma noch über 100
andere Arten.
Venter hat vergangene Woche im US-Magazin Free Republic betont, es
handele sich lediglich um ein Verfahrenspatent. In der Voranmeldung,
die sein Institut auch bei der World Intellectual Property Organization
WIPO eingereicht hat in der über 100 Staaten Mitglied sind würden
in den Claims 20, 21 und 23 jedoch auch explizit frei lebende
Organismen, die wachsen und sich replizieren auf der Basis des zuvor
aufgelisteten Minimalgenoms erfasst, hält Jim Thomas dagegen. Es ist
einfach nicht wahr, dass dieses Patent nur technische Verfahren
betrifft, sagt er. Wir glauben, dass Synthia, wie wir Venters
Bakterium getauft haben, eine sehr viel größere Sache sein wird als das
Klonschaf Dolly.
Die ETC Group wirft dem Venter-Institut vor, mit ihrer Patentanmeldung
eine gesellschaftliche Grenze überschritten zu haben, ohne dass die
Öffentlichkeit vorher in einer Debatte über die ethischen und
ökologischen Konsequenzen synthetischer Lebensformen einbezogen worden
sei. Ein Vorwurf, den Institutssprecherin Heather Kowalski zurückweist:
Wir haben mit zwei anderen Gruppen eine Technikfolgen-Studie erstellt,
die nächsten Monat publiziert wird. Und die ETC Group hat an einer
offenen Session zu diesem Thema im Mai selbst teilgenommen.
Die Aufgabe für Mycoplasma laboratorium wenn es irgendwann
funktioniert ist zumindest gut gemeint: Es soll mit Hilfe
zusätzlicher Gene irgendwann Wasserstoff und Ethanol zu produzieren.
Damit will das Venter-Institut einen Beitrag zu einer nachhaltigen
Energieversorgung leisten. Energie ist wahrscheinlich das drängenste
Problem auf unserem Planeten, sagte Venter kürzlich in einem
Interview[4] mit dem US-Magazin Newsweek. Er wolle mit seinen Kollegen
Kraftstoffe designen, die viel besser seien als heutige Kraftstoffe,
weil sie nicht auf Öl oder Kohle basieren. Aber dann kam der
Geschäftsmann zum Vorschein, als er hinzufügte: Wenn wir einen solchen
Kraftstoff produzierenden Organismus machen würden, wäre das der erste
Milliarden- oder Billionen-Dollar-Organismus. Ein Philanthrop wie etwa
Tim Berners-Lee ist Venter dann doch nicht.
Ob sein Institut irgendwann in den Genuss eines weltweiten
Patentschutzes kommt, ist allerdings fraglich. Derzeit läuft beim
Europäischen Patentamt (EPO) in München für die WIPO eine Begutachtung
der Patentschrift. Die bereits durchgeführte Recherche zum Stand der
Technik[5] listet unter anderem zwei ältere wissenschaftliche
Veröffentlichungen auf, die mit dem Prädikat X bewertet sind. Will
heißen: Sie stellen die behauptetete Neuheit von Mycoplasma
laboratorium ernsthaft in Frage. Eine zweite Bewertung, im
patentrechtlichen Jargon Erstkommunikation genannt, ist bereits
erstellt worden, aber noch nicht veröffentlicht. So könnte die Vision
des J. Craig Venter vom globalen Billionen-Dollar-Organismus doch noch
scheitern.
Das wäre nicht ohne Ironie, denn das EPO hat anders als die ETC Group
und viele Zeitgenossen keine grundsätzlichen oder ethischen Einwände
gegen Biopatente. Lebende Materie ist zu keinem Zeitpunkt von der
Patentfähigkeit ausgeschlossen worden, sagt EPO-Sprecher Rainer
Osterwald. Das europäische Patentrecht schreibt aber auch vor, dass
Ausführungsbeispiele genannt werden müssen, die ein Fachmann
nacharbeiten kann. Wie es aussieht, könnte es auch hier Schwierigkeiten
geben. Der mögliche Alptraum eines auch nur teilweisen Monopols auf
künstliches Leben wäre dann zumindest in Europa aus rein
juristischen Gründen erst einmal ausgeträumt.
(nbo-tr[6]/Technology Review)
URL dieses Artikels:
http://www.heise.de/tr/artikel/90984
Links in diesem Artikel:
[1] http://appft1.uspto.gov/netacgi/nph-Parser?Sect1=PTO2&Sect2=HITOFF&p=1&u=%2Fnetahtml%2FPTO%2Fsearch-bool.html&r=1&f=G&l=50&co1=AND&d=PG01&s1=alperovich.IN.&s2=genome.TTL.&OS=IN/alperovich+AND+TTL/genome&RS=IN/alperovich+AND+TTL/genome
[2] http://www.pnas.org/cgi/content/full/103/2/425
[3] http://www.heise.de/tr/artikel/72848
[4] http://www.msnbc.msn.com/id/18882837/site/newsweek/
[5] http://www.epoline.org/portal/public/!ut/p/kcxml/04_Sj9SPykssy0xPLMnMz0vM0Y_QjzKLN4i3dAfJgFjGpvqRqCKOcAFfj_zcVKBwpDmQ726kH6LvrR-gX5AbGlFunK4IAEFiq1o!/delta/base64xml/L0lDVE83b0pKN3VhQ1NZS0NsRUEhL29Kb2dBRUlRaENFTVloQ0dJUUlTRkdVWnpDQUlCUUEhLzRCMWljb25RVndHeE9VVG9LNzlZUTdEbUc0UkEvN18wX0cyLzc0MTU0OC9vcmdlcG9saW5lcG9ydGFsZnJhbWV3b3JrcG9ydGxldGJhc2VTdGF0ZVBvcnRsZXRCYXNlQWN0aW9uL29yZy5lcG9saW5lLnBvcnRhbC5hcHBsaWNhdGlvbnMucmVnaXN0ZXJwbHVzLnBvcnRsZXQuUlBBY3Rpb25EaXNwbGF5Q2l0YXRpb25z
[6] mailto:nbo-tr at tr.heise.de
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