[heise] TELEPOLIS: Bericht eines Demonstranten aus Rostock
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Mon Jun 4 10:27:48 UTC 2007
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Bericht eines Demonstranten aus Rostock
Peter Bürger 03.06.2007
Abseits der Protestbotschaften kam es zu Gewaltexzessen. Die Polizei
war dabei
Zurück aus Rostock, studiere ich nachts ab zwei Uhr in Düsseldorf die
Online-Berichterstattung über das Ereignis. Wenig ist über
Protestinhalte zu lesen. Zumindest einige politisch korrekte Nachträge
zur Kreativität der Demonstrationszüge gibt es. Das Hauptthema "Gewalt"
kennen wir ja schon seit Wochen. Die Eskalation ist nun auch wirklich
eingetreten und wird breit ins Bild gesetzt. Alle, die gewarnt, vorab
kriminalisiert und ein hartes Durchgreifen gefordert haben, können sich
scheinbar bestätigt sehen.
Auch der kollektive Übeltäter ist schon ausgemacht. 2000 oder gar 3000
Leute vom "schwarzen Block" sollen Ursache des Gewaltübels gewesen
sein. Demnach wäre, legt man die in der Polizeischätzung sehr tief
angesetzte Teilnehmerzahl des Protestes zugrunde, jeder zehnte
Demonstrant ein potentieller Gewalttäter gewesen. Allein
Panoramaaufnahmen des gesamten Rostocker Hafengebietes würden zeigen,
wie absurd eine solche Rechnung ist. Einzelne können bei
Massenveranstaltungen wie in Rostock nur Ausschnitte wahrnehmen, zumal,
wenn sie - wie der Verfasser - als Demonstranten mitten drin im
Geschehen sind.
Ein kritisches Bild aller Abläufe wird nur abseits vom Aktualitätsdruck
entstehen. Bevor sich jedoch voreilige Deutungsmuster etablieren und
dem Fortgang der Proteste in den kommenden Tagen ein Muster aufprägen,
sollten Berichterstatter, Organisatoren des Protestbündnisses und
Polizei es nicht versäumen, Fragen zu stellen.
Nicht in Frage gestellt werden kann, dass es zu jenen
verabscheuenswürdigen Gewalttaten (vgl. Demonstration gegen G8-Gipfel
endete in Militanz (1)) gekommen ist, die das "übliche Bild" radikaler
Proteste bedienen und den Stoff für eine entpolitisierte
Medienberichterstattung hergeben. In Rostock sind Scheiben
eingeschlagen worden. Straftäter haben ein Polizeiauto attackiert,
schwere Steingeschosse und Flaschen auf Polizisten geworfen und
Brandsätze auf der Straße gelegt. Das alles kann weder beschönigt noch
irgendwie gerechtfertigt werden. Spiegelbilder des Krieges sind
Ausdruck von Kriegslogik. Sie sind als Gewalt gegenüber Mitmenschen
keiner anderen Welt dienlich als der des Krieges (vgl. Der Charme des
Widerstands (2)).
Störmanöver aus der Luft
Unstrittig ist auch, dass die Polizei während des eigentlichen
Demonstrationszuges auf den längsten Abschnitten unsichtbar blieb und
sich von Einzelnen, die offenkundig ein Gewaltevent suchten, nicht
provozieren ließ. Allerdings flog bereits zur Auftaktkundgebung am
Rostocker Bahnhof ein Hubschrauber direkt über dem Versammlungsort. Das
Gleiche wiederholte sich am Nachmittag zu Beginn der Großkundgebung,
und zwar zweifach und so lautstark, dass es die gesamte Atmosphäre im
Hafengebiet dominierte. Wer diese Störmanöver aus der Luft angeordnet
oder genehmigt hat, sollte aufgeklärt werden (unter den Demonstranten
kursierte zeitweilig die Nachricht, es würde sich nach Polizeiangaben
um Hubschrauber der Medien handeln).
Zu Gewalteskalationen kam es nun gegen Ende der Demonstration, sehr
nahe am Kundgebungsgelände. Eine sorgfältige Rekonstruktion der
entsprechenden Ereignisfolge, die sich ab etwas 15.00 Uhr gegenüber von
laufenden Fernsehkameras auf einem Schiffsdeck abspielten, wäre von
besonderem Interesse. Denn hier kam es erstmals seit
Veranstaltungsbeginn zur "klassischen Situation", in der sich eine
Gruppe des so genannten "schwarzen Blocks" und Polizisten
gegenüberstanden. Steine oder andere Wurfgeschosse, die in dieser
Situation flogen, landeten nach meiner Beobachtung auch im Bereich der
Demonstranten.
Viele Fragen
Sie müssen also förmlich aus dem Hinterhalt von Straftätern abgeworfen
worden sein, die sich bewusst möglichst weit entfernt von den
Polizeimannschaften platziert hatten. Das von mir wahrgenommene Bild
liefert jedenfalls keine Rechtfertigung dafür, pauschal von "dem
schwarzen Block" zu sprechen. Die Veranstalter sollten nach meinem
Dafürhalten, jedenfalls bis zum Beweis des Gegenteils, davon ausgehen,
dass sich eine sehr große Mehrheit auch der Autonomen an die
grundlegenden Bündnisvereinbarungen gehalten hat: Keine Zerstörungen im
öffentlichen Raum und keine Gewalt gegen Menschen.
Der weitere Verlauf wirft sehr viele Fragen auf, die in der
Online-Berichterstattung keineswegs schon befriedigend erhellt werden.
Florian Gathmann macht in seinem Bericht (3) für Spiegel-Online
immerhin eine Andeutung dazu:
--Tatsächlich ist für viele Beobachter nicht nachvollziehbar, warum die
Polizei gegen Abend immer wieder in kleinen Gruppen gezielt gegen
Demonstranten vorgeht. Dann setzt sie auch zum ersten Mal Tränengas
ein, was Polizeisprecher Manfred Etzel noch um 16.30 Uhr ausschloss.--
Nach 17.30 Uhr ließ die Polizei längs dem Außenrand der Kundgebung
einen Wasserwerfer fahren. Das Einsatzareal dafür war weit entfernt von
einem aktuellen Brandherd an ganz anderer Stelle. Viele Menschen liefen
angstvoll in Richtung Kundgebungsbühne. Andere stellten sich dem
Wasserwerfer mit erhobenen Armen entgegen, so dass sich dieser
schließlich zurückzog. Unmittelbar darauf kamen jedoch
Polizeimannschaften und bauten sich vor den Veranstaltungsteilnehmern
auf, die - wiederum mit erhobenen Armen und offenen Handflächen - ihren
Unmut über das Polizeivorrücken auf das Versammlungsgebiet zum Ausdruck
brachten.
In dem Abschnitt, in dem ich mich als Versammlungsteilnehmer befand,
stürmten jetzt die Polizeimannschaften in Intervallen in die Menge. Ich
habe mehrfach gesehen, wie direkt neben mir Polizisten mit
Schlagstöcken auf gewaltfreie Demonstranten losprügelten. Nur: Bei
diesen Gewaltszenen waren Kameras der großen Sendeanstalten - zumindest
aus der Nähe - nicht zu sehen.
Auch bei dieser Gelegenheit landete ein Stein zwischen Polizisten und
Demonstranten. Er hätte Menschen auf beiden Seiten treffen können. Aber
dieser Stein kam von außerhalb, aus einer Richtung hinter der
Polizeimannschaft.
Noch Zeit für Deeskalation
In Rostock war deutlich zu merken, wie hoch Anspannung und
Aggressionspotential auch auf Seiten der Polizei sind. Für Deeskalation
bis zum Ende des G8-Gipfels bleibt jetzt noch Zeit:
Die Veranstalter der Proteste müssen versuchen, mit Gewaltopfern auf
beiden Seiten gleichermaßen in Kontakt zu treten.
Die Medien sollten sich intensiv den höchst erfreulichen Bildseiten der
Großdemonstration und den Anliegen des Protestes zuwenden und
Straftäter nicht noch durch unproportional viele Gewaltbilder belohnen.
Die Polizei sollte deutlich erklären, dass sie bei friedlichen
Blockadeaktionen der nächsten Tage weder Schlagstöcke noch Tränengas
einsetzen wird.
Blockierer (4) sollten sich im Gegenzug von ungebetenen Gästen, die
sich nicht an den in Trainings erprobten Regeln der Gewaltfreiheit
orientieren wollen, direkt distanzieren. Im Extremfall müssen sie auch
bereit sein, bei ihrem zivilen Ungehorsam einen Blockadeabschnitt zur
Gewaltvermeidung aufzugeben.
Nach den hautnahen Wahrnehmungen von Polizeigewalt hatte ich das
Bedürfnis, über das Vorgefallene mit Polizisten zu sprechen. Als Bürger
und christlicher Pazifist pflege ich kein "Feindbild Polizei" und halte
den gemeinsamen Austausch über die Verfassungsgrundlage des
Gemeinwesens für notwendig. Bei meinem letzten Gespräch mit einem
Polizeibeamten vor der Abfahrt des Düsseldorfer Busses wurde mir nun
eine besondere Belehrung zuteil.
Der Polizist klärte mich darüber auf, dass wir ja "keine Verfassung"
haben. Es gäbe in diesem Lande "nur ein Grundgesetz", und das sei uns
von Besatzungsmächten nach 1945 gleichsam aufgezwungen worden.
Anschauungen dieser Art werden sich im Umfeld des G8-Gipfels
hoffentlich nur als Ausnahme erweisen.
LINKS
(1) http://www.heise.de/tp/r4/artikel/25/25424/1.html
(2) http://www.heise.de/tp/r4/artikel/25/25295/1.html
(3) http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,486296,00.
(4) http://www.heise.de/tp/r4/artikel/25/25312/1.html
Telepolis Artikel-URL: http://www.heise.de/tp/r4/artikel/25/25426/1.html
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