[heise] heise online: Flach, flacher, OLED-TV

eugen at leitl.org <eugen at leitl.org> on Tue Apr 17 16:49:48 UTC 2007

Dieser Artikel aus Technology Review wurde Ihnen von "eugen at leitl.org"
gesandt. Wir weisen darauf hin, dass die Absenderangabe nicht
verifiziert ist. Sollten Sie Zweifel an der Authentizität des Absenders
haben, ignorieren Sie diese E-Mail bitte. 
------------------------------------------------------------------------

16.04.2007 08:07

Flach, flacher, OLED-TV

Der Star der größten Flachdisplaymesse der Welt, der Finetech in Tokio,
ist recht klein geraten. Gerade elf Zoll misst die Bilddiagonale des
Bildschirms aus organischen selbstleuchtenden Dioden (OLED) auf dem
Stand des japanischen Elektronik- und Unterhaltungskonzerns Sony. Damit
ist er einer der kleinsten Bildschirme auf der Messe, aber er wird
weltweit der erste sein, den es wirklich zu kaufen gibt. Noch in diesem
Jahr will Sony das Gerät einführen, erklärte Sonys stellvertretender
Präsident Katsumi Ihara: „Es wird für OLED-Fernseher nicht leicht,
Flüssigkristallbildschirme zu ersetzen. Aber wir würden OLED-TVs gerne
in ein großes neues Geschäft verwandeln.“

Sonys Ankündigung war ein Paukenschlag. Seit Jahren gestehen Experten
OLEDs ein großes Potenzial zu, Flüssigkristallbildschirme (LCDs) und
Plasma-TVs zu ersetzen. Denn die OLED-TVs trumpfen mit brillanten
Bildern und extrem schlanker Bauweise auf, da sie keine
Hintergrundbeleuchtung wie LCDs benötigen. Das Panel für Sonys erstes
Produkt ist gerade drei Millimeter dick. Doch einen Siegeszug
erwarteten die Unternehmen bisher noch in recht weiter Ferne.
Frühestens 2015 werde die OLED-Technik den Flach-TV-Markt dominieren,
schätzt der Atsutoshi Nishida, der Chef des japanischen
Elektronikkonzern Toshiba. Zu hoch sind die Hürden der neuen Technik.

Zum einen ist die Lebensdauer der OLEDs besonders bei Großdisplays
geringer als die von schon weit ausentwickelten LCDs und
Plasma-Panelen. Der Ausschuß in der Produktion ist dafür größer. Nach
einem Bericht der südkoreanischen Zeitung Korea Times wirft der
Weltmarktführer bei OLED-Displays Samsung selbst bei 2,2-Zoll kleinen
Displays für Mobiltelefone oder Digitalkameras derzeit 60 Prozent der
Produktion in den Müll.

Erst 2008 hofft der Konzern nach der Aussage eines namentlich nicht
genannten Mitarbeiters den Anteil der Mängelware auf 20 Prozent senken
zu können. Das größte Hindernis ist jedoch der im Vergleich zu den
rivalisierenden Technologien weit höhere Preis. Die Hersteller von
Plasma- und LCD-Fernsehern haben auf ihrer Jagd nach Marktanteilen die
Preise so rasant gedrückt, dass neue Technologien kaum die
Gewinnschwelle erreichen können.

Das Wachstum des OLED-Markts blieb daher auch 2006 deutlich hinter den
Erwartungen zurück. Auch mittelfristig werden die Diodendisplays nur
bei Handys und Digitalkameras, für die kleine Displays reichen, den
Durchbruch erzielen. Das allein reicht nach der Vorhersage des
britischen Marktforschers IDTechEx aus, den OLED-Display-Absatz von
2006 bis 2010 auf 2,2 Milliarden Dollar zuvervierfachen.

Bei Sonys Frühstart handelt es sich daher nicht um ein gewinnmaxierende
Operation, sondern um einen Marketingschachzug, mit dem der Konzern
seinen ramponierten Ruf als technologischer Führer im Fernsehgeschäft
aufpolieren will. Noch heute leidet der Weltmarktführer bei den
traditionellen Röhrenfernsehern  daran, Ende der 1990er Jahre den
Aufstieg der Flachfernseher verschlafen zu haben. Nur durch ein
Gemeinschaftsunternehmen zur Produktion von LCD-Bildschirmen mit dem
Rivalen Samsung und der folgenden Einführung der Bravia-Modelle konnte
Sony zuletzt nach Marktanteilen wieder zum Lokalmatadoren Sharp
aufschließen.

Aber in der Profitabilität hinkt Sony weiterhin hinterher. Die
Fernsehsparte, einst die Melkkuh des Konzerns, ist gerade erst in die
Gewinnzone gerutscht, obwohl das Unternehmen im Ende März abgelaufenen
Bilanzjahr 2006 nach Aussage von Sony-Vorstand Ihara sein Verkaufsziel
von sechs Millionen Flachfernsehern übertroffen hat.

Sonys Macher haben allerdings erkannt, dass dieser Achtungserfolg ihrer
Marke nur bedingt hilft. Schließlich sind LCDs und Plasma-Fernseher im
Prinzip schon ein alter Hut, der Kunden längst keine Ehrfurcht mehr
einflößt. OLED-TVs hingegen genießen in der Branche den Ruf eines
mächtigen Image-Aufbaupräparats. 

Erst diese Woche schwärmte der Chef von Samsung Electronics Sparte für
Digitale Medien, Park Jong-Woo: „Egal wieviel besser und größer
Fernseher werden, die Leute wollen keine 100-Zoll-Bildschirme im
Schlafzimmer haben. Daher denke ich, dass Internet-Fernseher und
OLED-TVs die Produkte für kreatives Management werden.“

Gewinne spielen daher für Sony bei OLED-TVs keine Rolle. Gerade 1000
Stück will Sony monatlich in einem Gemeinschaftsunternehmen mit Toyota
Industies herstellen, teilte Japans führende Wirtschaftszeitung Nikkei
mit. Der Preis werde „strategisch“ festgelegt, was so viel heisst wie
deftig bezuschusst. Dennoch wird das Display ein Mehrfaches
vergleichbarer LCD-Modelle kosten. Sony setzt auf den Glaubenssatz der
Homöopathie: Je geringer die Dosis, desto höher die Wirkung, sprich der
Werbeeffekt.

Doch nicht nur die OLEDs sorgen für Furore. Toshiba und Canon stellen
mal wieder ihre SED-TVs (SED steht für „surface-conduction
electron-emitter display“) aus, die bisherigen Flachdisplays in der
Bildqualität überlegen sind. Bei dieser Technologie sitzt hinter jedem
der über eine Million Bildpunkte eine kleine Elektronenkanone, die die
Pixel ähnlich wie beim herkömmlichen Röhrenfernseher zum Strahlen
bringen.

Bisher gelang es den Unternehmen nicht, die Geräte zu einem
wettbewerbsfähigen Preis herzustellen. Doch Ende dieses Jahres sollen
sie wirklich auf den Markt kommen. Und das erst im Dezember aus Sony
ausgegründete Unternehmen Field Emission Technologies stellte einen
24-Zoll-FED-TV vor (FED steht für „Field Emission Display“). FEDs sind
so etwas wie der große Bruder der SEDs, nur noch komplizierter
herzustellen.

Angesichts der wachsenden Konkurrenz rüsten sich die
Projektionsfernseher, die in der Zeit vor den Flachbildschirmen die
Nische der Großformat-TVs beherrschten, zum letzten Gefecht. Einstimmig
sagen die Marktforscher dieser Technologie voraus, 2006 ihren Zenit
überschritten zu haben und nun von LCDs und Plasma zerrieben zu werden.


Der japanische Hersteller JVC stemmt sich daher trotzig mit der
Präsentation eines Rückprojektionsfernsehers mit einer Bilddiagonale
von 110 Zoll gegen den Trend. Nur nennen die Hersteller ihre Monstren
nicht mehr Rückprojektionsfernseher, sondern lieber MDDP („Micro Device
Display Projection“). „Wir wollen, dass die Menschen MDDPs als erste
Wahl bei großformatigen Fernsehern ansehen“, sagt Shintaro Nakagaki,
ein für das Geschäftsfeld zuständiger Direktor von JVC.

Er gesteht selbst ein, dass er damit vor einer großen Herausforderung
steht. In Japan waren Rückprojektionsfernseher nie erfolgreich, in
Europa kaum, galten sie doch als bildschwach und klobig. Einzig in den
USA sind sie erfolgreich. Laut dem Marktforschungsunternehmen Display
Search wurden 2006 87 Prozent aller Projektionsfernseher in den USA
verkauft. 

Doch wegen der aggressiven Preissenkungsstrategie vom weltgrößten
Plasmahersteller Matsushita und dem Vorstoß von LCDs in den Bereich von
über 40-Zoll-TVs schrumpfe der Markt, sagt Nakagaki. „Wir wollen dem
nicht ruhig zusehen und haben daher mit 16 anderen Unternehmen das
MDDP-Konsortium gegründet.“ Samsung macht auch mit, Panasonic und Sony
nicht. Gemeinsam wollen die Mitglieder den Ruf der MDDPs verbessern. 

Für Technologieanalysten sieht der Fall hoffnungslos aus. „Nach dem ich
die Bildqualität der neuen Gerätegeneration gesehen hatte, dachte ich
eigentlich, der Absatz müsse steigen“, sagt Yoshikazu Higurashi von der
Deutschen Securities. Aber nach kurzer Abwägung sagt er nun voraus,
dass der Absatz von Rückprojektionsfernsehern von 2,85 Millionen Stück
im Jahr 2006 auf nur noch 1,8 Millionen im Jahr 2009 absacken wird.
Immer mehr Unternehmen stiegen aus und verschöben ihre Ressourcen zu
Front-Projektionssystemen, die als Bildwerfer in Unternehmen und
Erziehungseinrichtungen stark an Popularität gewinnen. 

Die Probleme der Hersteller von Rückprojektionsfernsehern sind	sind
vielfältig. Das Preisargument zieht nicht mehr, wenn die Konkurrenz bei
ähnlicher Größe kaum noch mehr kostet. Gleichzeitig haben sich die
Händler und Hersteller gegen die Technik verbündet. Die
Einzelhandelsketten wollen lieber teurere LCD- und Plasma-Geräte
verkaufen. Und das Gros der Hersteller pusht lieber LCDs und Plasmas,
weil sie extrem teure Werke aufgebaut haben. 

Keine Marke von Weltrang habe ihre Priorität auf
Rückprojektionsfernseher gesetzt, mahnt Higurashi. Gleichzeitig
verfügen nur die Großen über das notwendige Stehvermögen, dem
Preiskampf zu bestehen. „Daher wird es schwierig für
Rückprojektionsfernseher den Markt wieder zu erobern“, sagt der
Analyst.

Die Hersteller ziehen angesichts der Klimaveränderung die
Umweltschutzkarte und reagieren mit einem Innovationsschub. Wenn alle
Fernseher über 40 Zoll Rückprojektionsfernseher seien, würden die
Kohlendioxid-Emissionen um 83 Millionen Tonnen – das entspricht dem
Ausstoß von 18 Millionen Autos – sinken, rechnet Nakagaki als Vertreter
des MDDP-Konsortiums vor. Schließlich seien Projektionsfernseher mit
weniger Energieaufwand zu produzieren und verbrauchten weit weniger
Strom als die konkurrierenden Technologien. 

Gleichzeitig arbeiten sich die Hersteller an den Schwächen ihrer
Produkte ab: Der Helligkeit, dem Blickwinkel und der Dicke der
Fernseher. Bei Samsung Electronics sieht der Fahrplan wie folgt aus:
2006 wurde der erste Rückprojektionsfernseher  eingeführt, der keine
Lampe, sondern LEDs zum Durchleuchten eines Mini-Displays nimmt, um ein
Bild über zwei Spiegel von hinten auf die Leinwand zu werfen. „Durch
den Einsatz von LEDs entfällt der teure Lampenwechsel“, sagt Lim
Jong-Tae, Chefingenieur der Visual Display Division von Samsung
Electronics. 

Außerdem wird der Gamut, die Fähigkeit zur Farbwiedergabe, gegenüber
Projektoren mit Lampen um 25 Prozentpunkte auf 110 Prozent der
Farbwiedergabe des amerikanischen NTSC-Standards für Fernsehsender
erhöht. 2008 sollen erstmals Laser als Lichtquellen eingesetzt werden,
wodurch sich der Gamut auf 130 Prozent des NTSC-Standards klettern und
der Kontrast auf 20000:1 verdoppeln soll.

Lim verspricht zudem, die Tiefe von zum Beispiel einem einem 61-Zoll-TV
von 14,3 Zoll auf 11,4 Zoll zu verringern. LCD- und Plasma-Bildschirme
sind zwar weniger als halb so dick, aber mit ihrem massiven Stand
würden sie sogar etwas tiefer ausfallen. Und darüber hinaus könne man
Rückprojektionsfernseher an die Wand hängen, LCD- und Plasmafernseher
wegen der hohen Wärmeentwicklung jedoch nicht, schwärmt Lim. Auch das
Design sei viel eleganter, weil die Frontscheibe leichter sei und daher
von weit dünneren Rahmen als Plasma-Bildschirme gehalten werden könne.
Das Bild scheint in der Luft zu schweben.

Doch all das wird die Rückprojektions-TVs nicht von ihrer Zukunft als
noch kleineres Nischenprodukt bewahren, ist Lim  überzeugt: „Der Markt
wird definitiv schrumpfen.“ Zum Überleben hilft da nur die richtige
Strategie. Für den Elektronikgiganten Samsung, der bei LCDs und Plasmas
das Entwicklungstempo mitbestimmt, hat die Technik mit den doppelt
gespiegelten Bildern im Bereich über 60 Zoll großer Monitore mit hoher
Auflösung weiterhin eine Daseinsberechtigung. 

„Der Fokus sollte auf den Marktsegmenten der Wertsucher und der großen
Unterhaltungsfernseher liegen“, sagt Lim. Die machen nach Samsungs
Schätzungen 28 beziehungsweise 25 Prozent des Marktes aus. In den 
Kategorien „Zweit-TV“ (23 Prozent), „Small Family Couch Potatoe“ (19
Prozent) und Premium (rund 5 Prozent) fechten LCDs und
Plasma-Bildschirme den Kampf weitgehend unter sich aus.

Große Hoffnungen setzt Samsung auf einen Bildprojektor im
Handteller-Format, den „Pocket Imager“. Im Büro oder im Heim soll er
Präsentationen, Fotos oder Filme an Wänden visualisieren. Seine wahre
Stärke zeigt er jedoch im Schlafzimmer: Hochkant auf das Nachtischen
gestellt wirft er den Spielfilm an die Decke. Fernsehen im Liegen, was
will der Mensch im Digitalzeitalter noch mehr.

Das Modell 2007 ist 128 Millimeter breit, 95 Millimeter tief, 51
Millimeter hoch und 800 Gramm schwer. Zufrieden ist Lim damit noch
nicht: Mehr als die SVGA-Auflösung mit 800 mal 600 Bildpunkten schafft
das Gerät nicht. Der Gamut liegt gerade bei 100 Prozent des NTSC, die
Akku-Laufzeit reicht gerade für einen Spielfilm, die Helligkeit beträgt
nur 50 Lumen und die Lebenszeit magere 10000 Stunden. Außerdem ist der
Preis mit 799 Dollar noch verboten hoch. 

Aber in nur drei Jahren verspricht Lim die  Batterielaufzeit auf fünf
Stunden zu verdoppeln, die Lebensdauer der Dioden auf 50000 Stunden zu
verfünffachen, die Helligkeit auf 500 Lumen zu verzehnfachen und den
Preis auf 399 Dollar zu halbieren.

Auf nahezu Zigarettenschachtelgröße soll ein  Laserprojektor
schrumpfen, der Ende dieses Jahres oder Anfang nächsten Jahres auf den
Markt geworfen werden soll. Mit seinen zehn Watt Leistung soll der 50
Lumen helle 40-Zoll-Bilder in voller Hochauflösung leisten können. Als
Einsatzgebiete schweben Lim unter anderem Videospiele, Autos,
Videokonferenzen und vor allem Handys vor.

Gerade in Japan könnte so ein Gerät ein Hit werden. Denn ab 2009
beginnen die Mobiltelefonhersteller, die Netzwerke der nächsten
Generation zu installieren. In der Endausbaustufe können Japaner  Daten
mit bis zu 100 Mbps aus dem Äther saugen. Dann können die Japaner
selbst hochauflösende Spielfilme über ihre Handys streamen und als
Heimkino genießen.
 (nbo-tr[1]/Technology Review)

URL dieses Artikels:
  http://www.heise.de/tr/artikel/88267

Links in diesem Artikel:
  [1] mailto:nbo-tr at tr.heise.de

------------------------------------------------------------------------
Copyright 2007 Heise Zeitschriften Verlag

More information about the heise mailing list