[heise] TELEPOLIS: Kinder und Kommunikations- Elektronik

eugen at leitl.org <eugen at leitl.org> on Tue Apr 17 13:26:59 UTC 2007

Dieser TELEPOLIS Artikel wurde Ihnen
von  <eugen at leitl.org> gesandt.
------------------------------------------------------------
Kinder und Kommunikations- Elektronik
Karl Kollmann 15.04.2007

Eltern machen offenbar Kinder (unbeabsichtigt) dumm

Es klingt paradox, aber führt man aktuelle Studienergebnisse zusammen, 
sind es gerade die Eltern, die aus einer Art von postpubertärer 
"Kinderfreundlichkeit" und Mittelschicht-Pseudopädagogik ihre Kinder 
verdummen, da sie sie wohlmeinend mit Kommunikationselektronik 
zustopfen.

Claudia Wallner hat gerade eben ihre Diplomarbeit  Jugend und 
Kommunikationselektronik (1) an der Wirtschaftsuniversität Wien fertig 
gestellt, eine qualitativ orientierte empirische Arbeit, die sich zum 
ersten Mal intensiver mit dem Thema "Jugend und 
Kommunikationselektronik" beschäftigt und sich dabei auf die 
elterlichen Motive, Kinder mit Kommunikationstechnik auszustatten, 
konzentriert: Die empirischen Ergebnisse sind aufs Erste überraschend. 
Aber sie passen doch ins Bild unserer ver-rückten Gesellschaft.

Es sind gar nicht so sehr die Kinder (bzw. das heute typische 
Einzelkind), die ihren Eltern mit Konsumwünschen auf die Nerven gehen 
und quengelig (Stichwort: pester power) neue technische Gadgets 
einfordern. Die Eltern sind es, die in einer Art von wohlbehütendem und 
vorauseilendem Gehorsam für ihre Kinder bzw. ihr Kind nur das Beste 
wollen. 

Maßstab sind dabei "die anderen Eltern", die die Meinung, die 
Einstellungen und das Verhalten der jeweiligen Eltern beeinflussen. Man 
möchte, der eigene Nachwuchs soll all das auch haben, was andere Eltern 
ihren Kindern geben oder andere Kinder haben. Den eigenen Fernseher im 
Kinderzimmer (rund die Hälfte der Kinder haben das), Notebook, 
Internetanschluß, Spielekonsole und anderes mehr. 

Das Vermitteln von Medienkompetenz spielt keine Rolle im elterlichen 
Haushalt. Anschaffung und Besitz der Kinder zählen, was die damit tun, 
ist sekundär. "Haben" ist entscheidend, was Kinder mit ihren Sachen 
tun, bleibt weitgehend ihnen selbst überlassen. 

Vermutlich kommen hier auch Zeitprobleme von Eltern mit ins Spiel, 
sozusagen: Sie sollen haben, was die Anderen auch haben und Ruhe geben. 
Fernsehen oder Computerspiele beschäftigen das Kind und verschaffen den 
vom Erwerbsalltag und den Alltagstroubles gestressten Eltern Luft.

Weniger Einkommen im Haushalt bedeutet nicht, dass die wirtschaftlich 
schlechter gestellten Kinder auch sparsamer ausgestattet wären. Bei der 
Elektronik wird nicht gespart, findet die Autorin; im Gegenteil: Kinder 
mit unterdurchschnittlichem Familieneinkommen sind mit Handy, Fernseher 
und Mp3-Player sogar besser ausgestattet.

Kinder mit Eltern, die geringes Bildungsniveau haben, besitzen mehr an 
Kommunikationselektronik. Jedoch auch das Alter der Eltern oder der 
Umfang der Erwerbstätigkeit der Eltern bestimmen nicht das Maß, in dem 
die Kinderzimmer mit Kommunikationselektronik zugemüllt werden.

Makaber dabei ist, dass gerade Eltern der unterdurchschnittlichen 
Bildungsschichten ihre Kinder (ungewollt) verdummen. Je mehr 
Kommunikationselektronikkonsum die lieben Kleinen haben, desto 
schlechter sind die schulischen Leistungen und das erreichte 
Bildungsniveau, so das Ergebnis einer umfangreichen quantitativ 
orientierten Studie des KFN (Kriminologisches Forschungsinstitut 
Niedersachsen e V):  Medienkonsum, Schulleistungen und Gewalt (2).

Das bestätigen auch andere Erfahrungen: "Unsere Ergebnisse zeigen sehr 
deutlich, dass Kinder, die einen eigenen Fernseher im Zimmer haben, 
deutlich schlechtere Lesekompetenzen und auch Rechtschreibleistungen 
aufweisen." So der Erziehungswissenschaftler Joachim Tiedemann von der 
Universität Hannover ( "Analphabeten haben in der Wissensgesellschaft 
keine Chance" (3)).

LINKS

(1) ftp://ftp.wu-wien.ac.at/wuw/kollmann/diplomanden/DA%20Wallner.pdf
(2) http://kfn.de/medienkonsumschulleistunggewalt.pdf 
(3) http://www.heise.de/tp/r4/artikel/19/19731/1.html

Telepolis Artikel-URL: http://www.heise.de/tp/r4/artikel/25/25067/1.html

Copyright © Heise Zeitschriften Verlag


More information about the heise mailing list