TELEPOLIS: Die Geißel Europas
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Die Geißel Europas
Peter Mühlbauer 15.04.2007
In fast allen EU-Ländern wären Entwickler durch die kalte Legalisierung
von Softwarepatenten gefährdet
Mit der Einführung eines gesonderten Patentgerichtsweges versucht die
EU-Kommission derzeit, die vom Parlament verbotenen Softwarepatente auf
kaltem Wege zu legalisieren. Das hätte ausgesprochen problematische
Folgen für die Softwareentwicklung - nicht nur in Deutschland, sondern
fast überall in Europa.
Software ist in der EU bisher durch das Urheberrecht geschützt, das
dafür sorgt, dass nicht abgeschrieben werden darf. Wer aber mit eigener
Programmierleistung Programme schreibt, der darf diese bisher legal
veröffentlichen und auch damit Geld verdienen. Mit Softwarepatenten
wäre das anders: Hier gibt es zwanzigjährige Monopolschutzfristen auf
Trivialideen (1) wie den Statusbalken bei der Installation oder die
Bestellung mit einem Klick. Auch das "Andocken" an Windows über die
API-Schnittstellen kann mit Softwarepatenten ganz einfach verboten
werden (Vgl. Sind Patente ein Patentrezept? (2)).
In den letzten Jahren erteilte (3) das Europäische Patentamt, wider
den gesetzlichen Regelungen zahlreiche fragwürdige Softwarepatente.
Bisher konnte die ordentliche Gerichtsbarkeit diese Patente bei einer
Überprüfung für rechtswidrig erklären - was dazu führte, dass die
Inhaber solch fragwürdiger Patente sich mit Klagen eher zurückhielten
und kleine und mittlere Firmen in Ruhe ließen. Mit einer eigenen
Patentgerichtsbarkeit würde diese Kontrolle wegfallen, und eine
Klagewelle vorwiegend amerikanischer Firmen könnte wie der Hunnensturm
über Softwareentwickler überall in Europa hinwegfegen (Vgl. Neuer
EU-Vorstoß zur Patentreform stößt auf vielerlei Bedenken (4)).
Nicht nur alternative Betriebssysteme wie die Plan-9
(5)-Weiterentwicklung Plan B (6), die unter Leitung von Francisco J.
Ballesteros (7) in Madrid geschrieben wird und einige sehr innovative
Ideen umsetzt, der in Finnland entstandene Linux-Kernel oder das
vorwiegend in Deutschland erdachte (8) Knoppix haben Ihre Basis in
Europa, sondern auch zahlreiche Programme, die
Microsoft-Betriebssysteme erst praktisch nutzbar machen.
Im Auslieferungszustand und in den Voreinstellungen ist Windows alles
andere als perfekt. Diese Situation nutzen fleißige Programmierer
überall in der Welt um Tausende von Tools herzustellen, die das
Monopol-Betriebssystem, sicherer und stabiler, bequemer und benutzbarer
machen. Von den Programmen, mit denen Windows-Nutzer die Schwächen des
Systems ausgleichen, kommt ein großer Teil nicht aus den USA, sondern
aus EU-Ländern wie Deutschland, Frankreich, Italien, Ungarn,
Tschechien, Schweden, Finnland, Rumänien und der Slowakei. Und auch
wenn viele Programme Beiträger aus vielen verschiedenen Ländern haben,
so gibt es doch Entwicklungszentren, wie etwa beim MLDonkey (9) in
Frankreich, wo die Programmiersprache OCaml (10) eine besonders starke
akademische Basis hat.
Statt der im Betriebssystem enthaltenen unbrauchbaren Spyware (die kaum
Codecs enthält und beim Nachladen Konflikte erzeugt, die zu Bild- und
Tonstörungen führen) bevorzugen immer mehr Windows-Nutzer den in
Frankreich entwickelten VLC (11) oder den aus Ungarn stammenden
MPlayer (12). Die beiden Programme beherrschen fast alle Codecs
störungsfrei und ohne ständige Nachinstallation - mit ihnen lassen sich
gespeicherte YouTube-FLVs ebenso problemlos ansehen wie DVDs. Andere
weit verbreitete Windows-Tools sind das slowakische Burrrn (13), mit
dem sich auch OGG- und AAC-Musikdateien auf CD brennen lassen, der
Eraser (14) aus Irland, der Daten wirklich von der Festplatte löscht,
anstatt nur den Verweis darauf, VirtuaWin (15) aus Schweden, mit dem
sich Windows wie GNU/Linux mit virtuellen Desktops für verschiedene
Zwecke ausstatten lässt, das italienische Tool SpeedFan (16), mit dem
sich jederzeit die Temperaturen im Rechner und der Zustand der
Festplatten auslesen lassen, Barts PE Builder (17), mit dem sich eine
Notfall-CD erstellen lässt, von der aus man bei einem zerschossenen
System Daten retten kann, IrfanView (18), ein extrem leistungsfähiger
Bildbetrachter und -konverter, entwickelt vom in Wien lebenden Bosnier
Irfan Skiljan, der vom Finnen Lauri Pesonen geschriebene HFVExplorer
(19), der alte Apple-Speichermedien auf Windows lesbar macht oder die
britische Software Partition Logic (20), mit der sich Partitionen
ausgesprochen einfach erstellen, verkleinern und vergrößern lassen.
Doch diesem kleinen Wirtschaftswunder droht durch den gesonderten
Patentgerichtsweg Gefahr - paradoxerweise gerade von der EU-Kommission,
die doch eigentlich europäische Softwareentwicklungen fördern sollte.
Vor diesem Hintergrund werden die Strafen und Auflagen, die die
EU-Kommission öffentlichkeitswirksam gegen Microsoft verhängte,
Makulatur: Mit der einen Hand fordert die Kommission von Microsoft,
Windows ohne Media Player anzubieten, mit der anderen schafft sie durch
die Legalisierung von Softwarepatenten erst die Grundlagen für neue
Monopole des Konzerns. Dabei würden sich mit etwas weniger
Regulierungswut manche Probleme vielleicht von ganz alleine lösen: Zum
Beispiel über die zahlreichen europäischen Entwickler, die das
Medienplayer-Monopol von Microsoft ganz unbürokratisch angehen, indem
sie einfach bessere Alternativen zum Windows Media Player programmieren
- so lange, wie ihnen das die EU-Kommission noch erlaubt.
Vor allem Programme, die viele oder alle Formate beherrschen, wie VLC
(21), IZArc (22) und Burrrn (23) sind potentiell gefährdet. Die
Entwickler von VLC gingen deshalb in die Offensive (24) und machten
öffentlich bekannt, dass die Programmierung von Multimedia-Software bei
einer Legalisierung von Softwarepatenten zu einem Minenfeld würde, weil
alle wichtigen Formate von sehr breiten und trivialen Patenten
"geschützt" sind, die Weiterentwicklung und Interoperabilität
verhindern. Laut den Entwicklern von VLC wird 99% der europäischen
Softwareentwicklung von kleinen und mittleren Unternehmen geleistet,
denen Softwarepatente nur schaden.
Diese Einschätzung bestätigen auch mittelständische Softwareentwickler
wie auch Andrej Mertelj von der slowenischen Firma DataLab, die mit
ihrer Software Pantheon (25) nach eigenen Angaben häufig
Programmierneuland betritt, aber bewusst keine Patente hält, obwohl
einige der DataLab-Entwicklungen auch in den Produkten von Konkurrenten
genutzt wurden: Mertelj ist überzeugt, dass Patente mehr Probleme für
die Softwareentwicklung erzeugen, als sie lösen, weil der Aufwand zur
Klärung der rechtlichen Fragen den Zeitpunkt des Markteintritts
verzögern und die Softwareproduktion deutlich verteuern würde.
Auch der tschechische Anbieter Alwil, der die Antivirensoftware avast!
(26) herstellt, verzichtet bisher auf Softwarepatente, und würde am
liebsten auch weiterhin darauf verzichten. Bei Alwil verweist man
darauf, dass das Prüfsystem beim Europäischen Patentamt so viel
Triviales durchlässt, dass Softwarepatente schon aus diesem Grund
allein mehr Schaden für innovative Firmen anrichten als sie Nutzen
bringen können.
Mit ihrer Haltung stehen DataLab und Alwil keineswegs allein, sondern
bilden die ganz überwiegende Mehrheit. Als eine Konsultation zur
Zukunft des EU-Patentwesens ergab, dass kleinere und mittlere
Softwareunternehmen Patente als schädlich und gefährlich ansehen, gab
die EU-Kommission nicht etwa ihren Softwarepatentkurs auf, sondern
stellte statt dessen Steuergelder zur Werbung für Softwarepatente
bereit (Vgl. Softwarepatent-Gegner beklagen Mogelei bei
EU-Konsultation (27)).
Kleine und mittlere Unternehmen spielen zwar eine weitaus wichtigere
Rolle für Software-Innovationen als etwa der Siemens-Konzern, sind
jedoch wesentlich weniger eng mit der Politik und der EU-Bürokratie
verschlungen. Nachdem sich im Zuge der Siemens-Affäre das Netz auch um
den ersten Softwarepatentbefürworter der Nation, Heinrich von Pierer
(28), immer enger zieht, stellt sich auch eine andere Frage immer
dringender: Wem, außer Microsoft und Siemens, nützen Softwarepatente
eigentlich?
Klicken Sie auf ein EU-Mitgliedsland, dann erfahren Sie mehr über
eine dort ansässige Beispielsentwicklung, der eine
Legalisierung von Softwarepatenten eher schaden als nützen würde.
LINKS
(1) http://www.bvsi.de/DigiRedakteur/files/Softwarepatente_Vortrag.pdf
(2) http://www.heise.de/tp/r4/artikel/12/12773/1.html
(3) http://eupat.ffii.org/patente/muster/index.de.html
(4) http://www.heise.de/newsticker/meldung/87900
(5) http://de.wikipedia.org/wiki/Plan_9_%28Betriebssystem%29
(6) http://lsub.org/ls/planb.html
(7) http://lsub.org/who/nemo/index.html
(8) http://knopper.net/
(9) http://mldonkey.sourceforge.net/Main_Page
(10) http://caml.inria.fr/
(11)
http://www.heise.de/software/default.shtml?prg=14724&T=vlc&osg=1&srt=n
(12)
http://www.heise.de/software/default.shtml?prg=23285&T=mplayer&osg=1&srt
=n
(13)
http://www.heise.de/software/default.shtml?prg=34915&T=burrrn&osg=1&srt=
n
(14)
http://www.heise.de/software/default.shtml?prg=18980&T=eraser&osg=1&srt=
n
(15)
http://www.heise.de/software/default.shtml?prg=23658&T=virtuawin&osg=1&s
rt=n
(16)
http://www.heise.de/software/default.shtml?prg=7897&T=speedfan&osg=1&srt
=n
(17)
http://www.heise.de/software/default.shtml?prg=21290&T=bartpe&osg=1&srt=
n
(18)
http://www.heise.de/software/default.shtml?prg=1965&T=irfanview&osg=1&sr
t=n
(19) http://www.chip.de/downloads/c1_downloads_12995045.html
(20)
http://www.heise.de/software/default.shtml?prg=36275&T=partition%20logic
&osg=1&srt=n
(21)
http://www.heise.de/software/default.shtml?prg=14724&T=vlc&osg=1&srt=n
(22) http://www.izarc.org/
(23)
http://www.heise.de/software/default.shtml?prg=34915&T=burrrn&osg=1&srt=
n
(24) http://www.videolan.org/patents.html
(25) http://www.datalab.si/index.php?id=home&L=3
(26)
http://www.heise.de/software/default.shtml?prg=20773&T=avast%21&osg=1&sr
t=n
(27) http://www.heise.de/newsticker/meldung/75330
(28) http://www.heise.de/tp/r4/artikel/17/17825/1.html
Telepolis Artikel-URL: http://www.heise.de/tp/r4/artikel/25/25074/1.html
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