[heise] heise online: Vinton Cerf denkt an Internet-Neustart

eugen at leitl.org <eugen at leitl.org> on Tue Apr 17 09:23:57 UTC 2007

Diese Meldung aus dem heise online-Newsticker wurde Ihnen von
"eugen at leitl.org" gesandt. Wir weisen darauf hin, dass die
Absenderangabe nicht verifiziert ist. Sollten Sie Zweifel an der
Authentizität des Absenders haben, ignorieren Sie diese E-Mail bitte. 
------------------------------------------------------------------------

14.04.2007 17:26

Vinton Cerf denkt an Internet-Neustart

Die Idee mag abwegig, ja fast absurd erscheinen, aber viele
Informatik-Wissenschaftler sind sich darüber einig, dass eine völlige
Umstrukturierung und ein radikaler "Kaltstart" die mannigfaltigen
Probleme des heutigen Internet am elegantesten lösen könnte. Als
Professor Leonard Kleinrock im "Summer of '69" die ersten Datenpakete
zwischen entfernt aufgestellten Großrechnern austauschte, waren Spam,
Trojaner und DoS-Attacken noch in sehr weiter Ferne --
Datenfernübertragung war eine Einrichtung von Wissenschaftlern für
Wissenschaftler, an Sicherheits-Aspekte dachte lange -- nach heute
einhelliger Meinung viel zu lange -- niemand. Dass das Internet
überhaupt noch funktioniert, hält Professor Dipankar Raychaudhuri von
der Rutgers-Universität[1] für ein Wunder: Das Internet sei unter
völlig anderen Gesichtspunkten herangewachsen -- als Rechner langsam,
Speicherplatz teuer und die Verbindungen unzuverlässig waren. Es sei
Zeit, die zugrundeliegende Architektur grundlegend zu überdenken -- was
im Ernstfall den Austausch vieler Netzwerk-Hardware und das
Neuschreiben von Abermillionen Programmzeilen nach sich zöge. Im
Gegenzug erhielte man ein Netz, das die bestehenden Verbindungen viel
effizienter nutze. Sogar Vinton Cerf, einer der Väter des Internet,
hält den Ansatz für "durchaus fruchtbar", weil die heutige Technik
"längst nicht allen Ansprüchen genüge".

Die National Science Foundation arbeitet bereits an einem
experimentellen Netz namens "Global Environment for Network
Innovations" (GENI[2]) und gründet über das "Future Internet Network
Design" entsprechende Forschungsvorhaben an den US-amerikanischen
Universitäten. Unter den Universitäten, die eigene Projekte verfolgen,
finden sich neben Rutgers auch so prominente Namen wie Stanford[3],
Princeton, Carnegie Mellon[4] und das Massachusetts Institute of
Technology (MITS). Regierungsbehörden wie das amerikanische Defense
Department oder das europäische "Future Internet Research and
Experimentation" (FIRE[5]) arbeiten ebenfalls an derartigen Konzepten.

Der "Clean Slate" genannte Ansatz könnte zunächst parallel zum
bestehenden Internet laufen und es irgendwann ersetzen, was laut GENI
aber frühestens in 15 Jahren denkbar wäre -- mit den Forschungen sei
man noch in einer sehr frühen Phase. Guru Parulkar, dezidierter Leiter
der Stanford'schen Initiative, beziffert allein den
GENI-Forschungsaufwand auf mindestens 350 Millionen US-Dollar, die
restlichen Projekte auf zusammen 300 Millionen. Davon seien bereits
"einige zehn Millionen" verbraucht.

Dass das Geld gut angelegt ist, findet auch Jonathan Zittrain,
Rechtsgelehrter und Professor an den Universitäten von Oxford und
Harvard, selbst wenn man die Milliarden für die letztendliche Umsetzung
hinzuzieht: "Das Internet ist für viele absolut überlebenswichtig",
während es zu seiner Anfangszeit eine rein experimentelle Natur gehabt
hätte: "Die Internet-Erbauer setzten auf Vertrauen und Ehrlichkeit --
man kannte sich ja und hielt die Türen weit offen." Ein weiterer
Trugschluss war anzunehmen, dass sich die teilnehmenden Rechner immer
an ein und demselben Ort befinden würden. Nick McKeown aus Stanford
bezeichnet die mobile Internet-Anbindung denn auch treffend als
"Workaround", der solange funktioniere, wie das mobile Datenaufkommen
nur ein Bruchteil des drahtgebundenen ausmache.

Der immer noch aktive Leonard Kleinrock bezweifelt nach einem Bericht
des amerikanischen Online-Wissenschaftsmagazins Physorg[6] allerdings,
dass es noch zu seinen Lebzeiten zu einem Internet-Neustart kommen
wird: "GENI wird das Internet bestimmt nicht ersetzen, aber viele der
Entwicklungen werden wohl irgendwann dort Eingang finden. Zumindest
hilft es, auch mal über den Tellerrand zu schauen".

(cm[7]/c't)

URL dieses Artikels:
  http://www.heise.de/newsticker/meldung/88252

Links in diesem Artikel:
  [1] http://orbit-lab.org
  [2] http://geni.net
  [3] http://cleanslate.stanford.edu
  [4] http://100x100network.org
  [5] http://cordis.europa.eu/ist/fet/comms-fire.htm
  [6] http://www.physorg.com
  [7] mailto:cm at ct.heise.de

------------------------------------------------------------------------
Copyright 2007 Heise Zeitschriften Verlag

More information about the heise mailing list