[heise] heise online: re:publica: Kampf dem Blogger-Mythos

eugen at leitl.org <eugen at leitl.org> on Fri Apr 13 15:46:15 UTC 2007

Diese Meldung aus dem heise online-Newsticker wurde Ihnen von
"eugen at leitl.org" gesandt. Wir weisen darauf hin, dass die
Absenderangabe nicht verifiziert ist. Sollten Sie Zweifel an der
Authentizität des Absenders haben, ignorieren Sie diese E-Mail bitte. 
------------------------------------------------------------------------

11.04.2007 16:00

re:publica: Kampf dem Blogger-Mythos

Mit großem Zuspruch hat in Berlin die re:publica 07[1] begonnen, die
etwas andere Konferenz über das Leben im Netz. Geplant als Konferenz
für 300 bis 400 Blogger ohne die "Von-oben-Herab-Perpektive"
klassischer Web 2.0-Jubeleien, aber auch ohne intellektuelle
Überheblichkeit akademischer Veranstaltungen will die re:publica den
Alltag der Blogger reflektieren. Das kommt offenbar gut an: Mit 700
Teilnehmern, davon 80 bis 90 Prozent aktive Blogger, hat bereits die
erste Konferenz die Kapazitätsgrenzen des Veranstaltungszentrums
"Kalkscheune" erreicht. Die von Netzpolitik[2] und Spreeblick[3]
veranstaltete Konferenz startete sinnigerweise mit einem sehr
akademisch gehaltenen Vortrag des Soziologen Volker Grassmuck,
Veranstalter der intellektuellen Konferenz-Spielart Wizards of OS[4].
Erst mit einem Vortrag des Bamberger Soziologen Jan Schmidt von der
Forschungsstelle neue Medien[5] gab es Blogfutter: Schmidt machte sich
den Spaß, die "Mythen der Blogosphäre" zu entlarven.

In seinem vom Blatt abgelesenen Vortrag zur Geschichte der
Wissensallmende versuchte Volker Grassmuck, den Bogen vom Gerücht als
erstem Massenmedium über den Buchdruck (Gutenberg-Galaxis), den Funk
(Tesla-Galaxis) bis zum Internet (Turing-Galaxis) zu schlagen. So zog
er Parallelen zwischen der Anrüchigkeit des Gerüchts bis zu der Art und
Weise, wie heute dem anrüchigen Internet begegnet wird. Der
Parforce-Ritt durch die verschiedenen Felder der
Kommunikationswissenschaft und des Medienrechts wurde durch die
Tatsache aufgebloggert, dass die Teilnehmer Live-Kommentare per SMS
schicken konnten, die auf einer zweiten Leinwand eingeblendet wurden.
Das war nicht nur eine gelungene Illustration des von Grassmuck
beschriebenen "neuen Zeitverhältnisses der Neuen Medien", sondern hielt
auch die rund 300 Zuhörer wach. "Wir brauchen Rhetorik-Kurse für
Soziologen", forderte ein Teilnehmer, während prompt Grüße an die
Konferenz aus Deutschland eintrudelten, weil die Telefon-Nummer auf
Flickr veröffentlicht wurde. "Wir haben gerade erst angefangen, uns im
Offenen zu orientieren", machte Grassmuck den Zuhörern Mut, sich ihres
eigenen Blogs zu bedienen und Inhalte unter Lizenzen zu
veröffentlichen, die die Fallen des Copyrights vermeiden. 

Blogger sind Nerds, übergewichtig und unrasiert, die unablässig daran
arbeiten, eine Gegenöffentlichkeit zu verbreiten, während gleichzeitig
die meisten Blogs irrelevant sind, weil sie nur Katzen- und
Strickpullover-Content bieten: Auf diese völlig verfehlte Mythologie,
eine stark verzerrte Sicht der Blogosphäre ging Jan Schmidt in seinem
Vortrag [6] (PDF-Datei) ein. Die falsche Definition der Blogger als
Nerds kommt Schmidt zufolge nur dadurch zustanden, dass unter den Top
100 der Blogs in Deutschland computeraffine Blogs meinungsführend sind.
Tatsächlich bloggen deutschlandweit genausoviele Männer wie Frauen,
deren "persönliche Öffentlichkeiten" sich nicht in den Relevanzmessern
wiederfinden lassen. Auch die Rede vom Blogger als Teil einer
Gegenöffentlichkeit ist zumindest für Schmidt völliger Unsinn: Bei der
Verlinkung und Kommentierung von Nachrichten orientierten sich Blogger
dermaßen an klassischen Massenmedien wie heise online oder Spiegel
Online, dass schlicht nicht von einer hergestellten Gegenöffentlichkeit
gesprochen werden kann. Überhaupt müsste Schmidt zufolge die
Blogosphäre davon Abstand nehmen, manche Spielarten von Blogs als
"irrelevant" zu bezeichnen, weil sie "Katzencontent" verbeiten. "Was
bloggen ist, wird täglich neu ausgehandelt", lautete das Plädoyer des
Forschers, der im "Long Tail" in den zahlreichen kaum beachteten Blogs
eine Chance für größere Kommunikationsvielfalt sieht. (Detlef Borchers)
/
 (jk[7]/c't)

URL dieses Artikels:
  http://www.heise.de/newsticker/meldung/88110

Links in diesem Artikel:
  [1]  http://programm.re-publica.de/programm/day_1.de.html
  [2]  http://www.netzpolitik.org
  [3] http://www.spreeblick.com
  [4]  http://www.wizards-of-os.org/
  [5]  http://www.fonk-bamberg.de/
  [6] http://www.bamberg-gewinnt.de/wordpress/wp-content/pdf/mythen_der_blogosphaere_republica.pdf
  [7] mailto:jk at ct.heise.de

------------------------------------------------------------------------
Copyright 2007 Heise Zeitschriften Verlag

More information about the heise mailing list