[heise] heise online: re:publica: Blogger zwischen Kommerz und Underground
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Fri Apr 13 15:45:24 UTC 2007
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13.04.2007 09:02
re:publica: Blogger zwischen Kommerz und Underground
In Deutschland gibt es seit Montag ein Werbenetzwerk für Weblogs in
Anlehnung an US-Vorbilder wie Adblogs[1], das in der hiesigen
Blogosphäre heftig umstritten ist. Was den einen als legitime
Geldeinnahmequelle erscheint, kommt anderen als Ausverkauf von Idealen
vor. "Wir meinen, dass Blogs Geld verdienen sollten", brach Johnny
Haeusler, Mitgründer der Vermarktungsplattform adical[2] und des
Spreeblick-Verlags, am gestrigen Donnerstag auf der Konferenz
re:publica[3] in Berlin eine Lanze für die zunehmende
Kommerzialisierung der Szene. Thomas "Supatyp"[4] Lau meinte dagegen,
dass der "strukturelle Individualismus" von Bloggern und ihr Verharren
im eigenen "Coolness-Bild" einer Vermarktung der Inhalte entgegenstehe.
Die sich gerne als frei von redaktionellen Zwängen und normativen
Presseregeln gebenden Betreiber von Webjournalen müssten beim Setzen
auf Werbung eine "devote Haltung gegenüber einem Kunden einnehmen", was
den wenigsten zupass käme.
Sascha Lobo, der mit Haeusler und derzeit 32 Weblogs an Bord die
Werbeplattform adical gestartet hat, ist anderer Ansicht. Der ehemalige
Inhaber einer Werbeagentur mit retropunkigem Irokesenschnitt hält es
"für schlimm", wenn "das Potenzial" von Blogs nicht erkannt und dessen
Ausschöpfung aus "religiösen Gründen" abgelehnt werde. Eine
Gesellschaft, die Blogs als Medium bedienen könne, sei gleichsam "gegen
den Totalitarismus" imprägniert, philosophierte der Werber. In solcher
Fallhöhe leitete er dazu über, dass sich die Macher auch refinanzieren
können müssten. Damit steige letztlich die Qualität der Blogs, da sich
die Autoren etwa für eine Recherche auch einmal in den Zug setzen und
zu einer Messe fahren könnten.
Werbung ist für Lobo letztlich eine "Kulturform, die andere
Kulturformen ermöglicht". Zudem seien Blogger generell nicht die
"Medienheiligen", die eine Kommerzialisierung komplett ablehnen würden.
Und statt sich von PR-Agenturen für Einträge bezahlen zu lassen, sei
eine transparente Form der Werbeschaltung der bessere Weg.
Beim ganzen Hype um nutzergenerierte Inhalte dürften die User selbst
nicht mehr länger "ganz weit hinten bleiben", ergänzte Haeusler. Bisher
würden Aggregatoren und Suchmaschinen wie Google mit dem Werbenetz
Adsense den großen Reibach machen, während die eigentlichen Kreativen
leer ausgingen. Die "Kultur des Bloggens" würde mit der Bannerschaltung
auch nicht kaputt gehen. "Es wird immer Hunderte andere Blogs geben,
die total Underground sind" und ohne Werbung "rocken", betonte der
Radio-Moderator. Blogger seien in gewisser Hinsicht eben Künstler, die
"total kommerziell" oder Avantgarde sein könnten.
Von einer "Verhurung" darf laut Haeusler aber nicht die Rede sein, nur
weil man Anzeigen schalte. Beim Spreeblick-Blog[5] wäre das eher der
Fall gewesen, wenn er und seine Mitstreiter die Inhalte noch stärker
auf die Surfer in Massen anziehende Inhalte wie Blödelvideos und so auf
Google-Ad-Klicks getrimmt hätten. Auch dabei seien in einzelnen Monaten
schon mal ein- bis zweitausend Euro rumgekommen. Haeusler störte daran
aber, dass die Qualität der Anzeigen so gut wie nicht beeinflussbar
gewesen sei. Gewisse Abhängigkeiten gegenüber Werbetreibenden gebe es
immer, auch in den alten Medien, rechtfertigte der erfolgreiche Blogger
den neuen Vorstoß weiter. "Ich hoffe aber, dass wir uns nicht verbiegen
müssen."
Einzelne kritische Blogger haben sich derweil von Weblogs mit
adical-Bannern rasch verabschiedet[6]. Sie halten die bislang über die
Plattform gezeigte Werbung für "grotesk und indiskutabel". Lobo kann
sich trotzdem vor dem Ansturm von Beitrittswilligen kaum retten und
hofft, "mittelfristig Lösungen für alle Blogs" anbieten zu können. Die
ins Netzwerk Aufgenommenen würden aber immer "nach bestimmten
Qualitätskriterien" ausgesucht. Eine Teilnehmerin der re:publica gab
zudem zu bedenken, dass sich Bloggen ohne Anzeigen und
Einkommenssteigerungen in der Aufmerksamkeitsökonomie keineswegs
ausschließen müssen: "Es gibt viele Leute, die gute Angebote über ihre
Blogs generiert haben", also etwa Einladungen auf Konferenzen oder
Artikelanfragen bekommen hätten. Die Web-Journale seien schließlich
unglaubliche Plattformen zur Selbstdarstellung und -vermarktung. "Das
ist Cash from Chaos", griff sie den Titel der Diskussionsrunde auf.
Zur re:publica 07[7] siehe auch:
Große Skepsis gegenüber gesonderter Blogger-Ethik[8]
Kampf dem Blogger-Mythos[9]
(Stefan Krempl) /
(jk[10]/c't)
URL dieses Artikels:
http://www.heise.de/newsticker/meldung/88183
Links in diesem Artikel:
[1] http://www.adblogs.com/
[2] http://adical.de/
[3] http://re-publica.de/
[4] http://mark.antville.org/
[5] http://www.spreeblick.com/
[6] http://blog.kairaven.de/archives/1078-Sautreibereien-und-Weblogwerbung.html
[7] http://re-publica.de/
[8] http://www.heise.de/newsticker/meldung/88125
[9] http://www.heise.de/newsticker/meldung/88110
[10] mailto:jk at ct.heise.de
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