[heise] heise online: re:publica: Vom Kalklagern zum Sprengen

eugen at leitl.org <eugen at leitl.org> on Fri Apr 13 15:44:26 UTC 2007

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13.04.2007 12:33

re:publica: Vom Kalklagern zum Sprengen

Früher wurde in einer Kalkscheune der gebrannte Kalk verwahrt, bis er
zu Mörtel für die Maurer verarbeitet wurde. Auf ihre Weise versucht
sich die dreitägige Konferenz re:publica[1] in der Berliner Kalkscheune
an einer ähnlichen Aufgabe: den Stoff zu präsentieren, der Blogger
sowie Netizen verbindet und das Netz ein bisschen wohnlicher macht.
Während die Blogger auf der re:publica an einem offenbar überflüssigen
Ethik-Codex[2] feilten und sich am Cash from Chaos[3] berauschten,
diskutierten Netizen parallel dazu den Protest gegen die
Vorratsdatenspeicherung. Ein Vorschlag, kollektiv das Cash-Panel der
Geldsucher zu sprengen, wurde nicht realisiert, weil die Diskussion
darüber länger brauchte als das Panel im Hauptsaal.

Das Web 2.0 ist in den Unternehmen angekommen. Zumindest bei IBM, wie
Peter Schütt von der IBM Software Group berichtete. Mit 700
themenbezogenen Communities, 27.300 Bloggern und 420 Gruppenblogs sei
IBM auf gutem Wege, die interne Firmenkommunikation im Sinne der
Schwarmintelligenz zu beschleunigen. Im "Think Place" herrscht Schütt
zufolge ein "kontrolliertes Chaos". So setzten Blogger 185.000
Bookmarks, damit andere IBM-Mitarbeiter schneller Informationen finden
können. Aus den Blogs seien 6000 Vorschläge für Projekte und Produkte
gekommen, von denen 430 realisiert wurden. Das Fazit: IBM lebt im Web
2.0, nur nicht überall. In Deutschland laufe es nicht besonders gut mit
den "Dream Teams", die in offener Diskussion für IBM "Islands of
Knowlegde" erobern. "Deutsche wollen in den Wikis ihre Kollegen nicht
brüskieren", erklärte Schütt den Missstand.

Als eine etwas unverbindliche Plauderei erwies sich dagegen die
Diskussion über Open-Source-Strategien, die mit ihrer Offenheit die
Geschäftswelt verändern sollen. Sowohl Bernhard Reiter von der Free
Software Foundation Europe[4] wie Elmar Geese vom deutschen Linux
Verband[5] mit 200 Mitgliedsfirmen betonten, wie Open Source für Kunden
Einsparungen bringt und für Softwarefirmen die Chance, dokumentierte
Qualität zu liefern. Anstelle der Diskussion nachhaltiger
Geschäftsmodelle beschäftigte sich das Panel mit dem Verhalten von
Netscape, das vor 10 Jahren seinen Brower als Open Source deklarierte
und verglich die Arbeit von Programmierern mit der von Journalisten.

Mehr zur Sache ging es im Workshop über die Vorratsdatenspeicherung.
Hier wurde kräftig für die Demonstration in Frankfurt/M[6] geworben,
die darauf aufmerksam machen soll, dass am 18. April die
Vorratsdatenspeicherung vom Bundeskabinett verabschiedet wird – auch
eine Fundraisung-Aktion[7] zur Unterstützung des Arbeitskreises
Vorratsdatenspeicherung[8] wurde gestartet. Kritisch wurde in dieser
Hinsicht die Blogosphäre beurteilt. So erklärte Constanze Kurz vom CCC:
"Die Aktivierung der Blogosphäre hilft nicht wirklich viel. Das Thema
muss in die Massenmedien. Erwähnen es die Medien, wird auch drüber
gebloggt." Diskutiert wurden verschiedene Vorschläge, die Opposition
gegen die umfassende Datenspeicherung fortzuführen, vom Protest-Tagging
mit dem Label "Stasi 2.0" über die Verdunkelung von Websites bis zur
Dokumentation der Haltung einzelner Problempolitiker[9].

Schließlich gab es den Vorschlag, in die parallel laufende Diskussion
ums große Geld[10] zu gehen, die vom Gros der Konferenzbesucher besucht
wurde. Diese Sprengung hätte der sehr harmoniesüchtigen Veranstaltung
einen Kontrapunkt gegeben, fand aber nicht statt. Stattdessen liefen in
der anschließenden Diskussion über Politik 2.0 jede Menge Protest-SMS
über die Kommentar-Leinwand, die sich gegen die Vorratsdatenspeicherung
richteten. Die Diskussion über Politik 2.0 zeigte sich dagegen eher
unpolitisch, weil sie sich auf die Parteipolitik konzentrierte. Den
Einwand, dass dies etwas einseitig sei, konterte der Veranstalter
Markus Beckedahl von Netzpolitik[11] mit dem Argument, dass neben dem
Druck über die Medien[12] die politische Arbeit der einzige Weg für die
Zivilgesellschaft sei, Veränderungen auf den Weg zu bringen. Zur
Vorratsdatenspeicherung betonte Beckedahl, dass Aktionen wie das
Anklicken und Unterschreiben von Protestresolutionen im Internet zwar
ein gutes Gefühl hinterließen, politisch aber folgenlos seien.

Zur re:publica 07[13] siehe auch:

Große Skepsis gegenüber gesonderter Blogger-Ethik[14]
Kampf dem Blogger-Mythos[15]
 (Detlef Borchers) /
 (jk[16]/c't)

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  [9] http://www.problempolitiker.net/wiki/index.php?title=Hauptseite
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  [11] http://www.netzpolitik.org
  [12] http://netzpolitik.org/2007/gegendarstellung/
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