[heise] heise online: re:publica: "Print ist tot"
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Fri Apr 13 15:40:27 UTC 2007
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13.04.2007 17:17
re:publica: "Print ist tot"
Wo knapp 700 Blogger und Journalisten aufeinander treffen, ist der
Konflikt zwischen alten und neuen Medien fast greifbar. Auf der
Konferenz re:publica[1] in der Berliner Kalkscheune versuchen Vertreter
von klassischen Print-Medien und Onliner einen Blick in die Zukunft zu
werfen. Konferenz-Mitorganisator Johnny Häusler schickte sein Fazit
vorweg: Er verteilte eine experimentelle Print-Ausgabe seines Blogs
Spreeblick[2]. Die Titelschlagzeile "Print ist tot". Das Heft hatte er
innerhalb weniger Stunden mit Texten der Berlin versammelten Blogger
gefüllt und 1000 Exemplare drucken lassen.
Dieser Einschätzung des Online-Verlegers Häusler wollten sich auch die
angereisten Vertreter der klassischen Medienhäuser nicht verschließen.
"Wir würden uns wünschen, dass es immer Zeitungen geben wird. Aber
derzeit steht das gar nicht fest", erklärte Handelsblatt-Redakteur und
Blogger[3] Thomas Knüwer. Für ihn mangelt es an einer klaren
Vorstellung für die Zukunft. "Man hat die künftige Rolle der Zeitung
nicht gefunden. Dort bekomme ich heute Nachrichten, die mindestens 12
Stunden oder 24 Stunden alt sind." Statt dem schnellen
Informationsmedium Internet mehr Hintergrundberichte und Reportagen
gegenüberzustellen, konzentrierten sich die Zeitungen lieber darauf,
das gesamte Tagesgeschehen in Meldungsspalten abzuwickeln. Auch im
Layout werde das deutlich: "Die alten Medien glauben, sie müssen jetzt
aussehen wie das Internet." Ein Fehler, findet Knüwer.
Mercedes Bunz, Chefin der Online-Redaktion des Berliner
Tagesspiegels[4], sieht keinen direkten Gegensatz zwischen dem
Publizieren auf Papier und im Netz: "Das Gegeneinander von Internet und
Print wird nur an zwei Stellen gepflegt: in den Verlagshäusern und der
Blogger-Szene." Den Lesern seien die Grundsatzdebatten egal, sie
entschieden sich für das Medium, das ihre Bedürfnisse aktuell besser
bediene. Die Arbeit für Online- und Offline-Medien sei aber nicht
gleichzusetzen: Für Online-Journalisten gäbe es keine starren
Abgabetermine, Print-Medien hingegen bereiteten die Inhalte für den
Leser oft ansprechender auf. Bei deutschen Tageszeitungen habe jetzt
durchweg eine Experimentierphase mit Online-Inhalten begonnen.
Der Chefredakteur von Focus Online[5], Jochen Wegner, verwies auf das
Miteinander von Print- und Online-Journalisten. So würden viele
Focus-Redakteure auch der Online-Redaktion Inhalte anbieten. Wenn der
Druckschluss der Print-Ausgabe näher rücke, nehme die Bereitschaft der
Print-Journalisten jedoch ab, auch für den Online-Auftritt zu
schreiben. Die Strategie "Online first", die derzeit einige deutsche
Verlage propagierten, sei Unsinn. Würde ein spannendes Interview kurz
nach Andruck in der Redaktion eintreffen, würden die Redakteure erst
sehen, wann sie es in der Print-Ausgabe unterbringen könnten.
Knüwer sieht zudem einen Generationenkonflikt in den Redaktionen. So
zeige sich ein Teil der Redakteure der Entwicklung im Online-Bereich
gegenüber sehr aufgeschlossen, andere hingegen sähen den Wandel sehr
kritisch. "In den nächsten ein bis zwei Jahren wird in den Redaktionen
ein richtiger Kulturkrieg ausbrechen", vermutet der Redakteur.
Bei aller Liebe zu Online erinnerte Blogger Johnny Häusler auch an die
Vorteile des Papiers. Gerade durch die Möglichkeit,
Hintergrundinformationen einfach zu verlinken, seien viele Blog-Texte
für Außenstehenden fast unlesbar. "Für sich alleine funktionieren diese
Blog-Artikel nicht. Man muss erst viel zu viel rumklicken". Dazu bekäme
der Leser oft den Eindruck, dass Blog-Schreiber und Leser eine
geschlossene Gemeinschaft seien. Bei Papier-Artikeln werde der Autor
hingegen gezwungen, dem Leser in seinem Text alle wesentlichen
Informationen zusammenzufassen.
Doch nicht nur die Medien ändern sich, auch das Verhalten der Leser
wandelt sich stark. Die Leser von Focus Online würden mittlerweile auch
lange Hintergrund-Texte zu schätzen wüssten, erklärte Wegner. Selbst
Texte mit über 10.000 Zeichen würden bis zum Ende gelesen. "Vor Jahren
war das eher ungewöhnlich". Doch diese wachsende Vorliebe für
Online-Inhalte ist nicht bei jeder Leserschaft festzustellen. So
berichtet Knüwer von Leserbeschwerden, wenn einzelne Aktien-Kurse nicht
mehr in der Print-Ausgabe des Handelsblatts abgedruckt würden, obwohl
die Kurse per Internet schneller und einfacher in Erfahrung zu bringen
seien. "Diese Leserbriefe sind dann meist mit Schreibmaschine
geschrieben", sagte Knüwer.
Wie Medien in fünf bis zehn Jahren aussehen werden, wollte jedoch kein
Panel-Teilnehmer vorhersagen. Auch im Hinblick auf den viel zitierten
Bürgerjournalismus herrscht noch große Ungewissheit. So berichtete
Katharina Borchert[6] über das Online-Projekt der WAZ Mediengruppe, das
redaktionelle Inhalte mit Leserberichten verbinden soll. Wie die
Leserschaft auf die Möglichkeiten reagieren werde, sei aber noch
unklar: "Die Weisheit haben wir nicht mit Löffeln gefressen. Wir haben
uns auf viel Scheitern eingerichtet", resümierte Borchert.
Zur re:publica 07[7] siehe auch:
Vom Kalklagern zum Sprengen[8]
Blogger zwischen Kommerz und Underground[9]
Große Skepsis gegenüber gesonderter Blogger-Ethik[10]
Kampf dem Blogger-Mythos[11]
Konferenz über das Leben im Netz [12]
(Torsten Kleinz) /
(vbr[13]/c't)
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