[heise] TELEPOLIS: Kampf um die Ressourcen und direkte Eins...
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Kampf um die Ressourcen und direkte Einspeisung von Informationen ins
Gehirn
Florian Rötzer 10.04.2007
Ein Bericht des britischen Verteidigungsministeriums listet alle
möglichen Risiken und Schocks der Zukunft von Neutronenbomben über
autonome Kampfroboter bis zum neuen Marxismus der Mittelklasse und der
Klimaerwärmung auf
Das britische Verteidigungsministerium hat in einem Bericht (1)
versucht, die "globalen strategischen Trends" für die nächsten 30 Jahre
abzuklopfen. Beim Development Concepts and Doctrine Centre (DCDC), das
für die Erstellung des Berichts verantwortlich ist, denkt man durchaus
futuristisch. Das britische Militär müsse sich auch auf die Folgen des
Klimawandels einstellen, für den es "überzeugende Beweise" gebe, aber
man müsse auch mit der Militarisierung des Weltraums rechnen, während
EMP-Waffen zum Einsatz kommen können oder Chips in die Gehirne der
Menschen einwandern.
Konteradmiral Chris Parry, der Leiter des DCDC, erklärte
sicherheitshalber, dass die im Bericht erwähnten Trends zwar die
wahrscheinlichsten Entwicklungen darstellen würden, aber dass es viele
Ungewissheiten gebe, weil man von zahlreichen Variablen ausgehen müsse
und alles mit allem zusammenhänge. Für viele Trends würden nur
ungewisse Belege vorliegen, manchen seien auf politische Entscheidungen
gegründet, die sich schnell ändern können. Parry gibt sich fast schon
philosophisch, wenn er sinniert, dass die Zukunft zwar meist eine Folge
der Entwicklungen in Vergangenheit und Gegenwart sei, aber dass die
"Macht von Zufall und Überraschung" weiterhin eine Konstante bleibe.
Thematisiert wird in dem 100seitigen Bericht so ziemlich alles, was
sich denken lässt. Versucht wird, die Wahrscheinlichkeit der Szenarien
festzulegen und alternative Entwicklungen abzuschätzen. Sicher ist man
sich, dass sich in den nächsten 30 Jahren "alle Aspekte des
menschlichen Lebens in einer bislang nicht vorhandenen Geschwindigkeit"
verändern werden.
Ganz zu Beginn werden gleich die Folgen des Klimawandels erörtert, für
den es "überzeugende Beweise" gebe. Die Verwüstung nehme zu, während
andere Gebiete überschwemmt würden. Man müsse mit schweren Stürmen,
Überschwemmungen und anderen Naturkatastrophen vermehrt rechnen. In
einer dicht bevölkerten Welt wird sich mit der Klimaveränderung der
Zugang zu Wasser, Lebensmitteln und bewohnbarem Land verändern,
Krankheiten werden sich ausbreiten. Erwartet wird eine hohe
"Politisierung" des Themas. Die instabilsten Regionen werden diejenigen
sein, die von unterschiedlichen negativen Umweltfaktoren betroffen
sind. Der Kampf um Ressourcen werde schärfer, was auch zu großen
Migrationsströmen und schnellen Wanderungsbewegungen führt. Humanitäre
Interventionen werden häufiger, Ressourcen, allen voran Öl, Gas und
andere Bodenschätze, müssen nach Ansicht der Militärs zunehmend
"gesichert" werden.
Die zunehmend multikulturellen Länder verändern ihre Identität, auch
durch die Vernetzung, die virtuelle Gemeinschaften oder eine virtuelle
Diaspora ermöglicht. Die Orientierung an Nationalität oder Herkunft als
soziales und staatliches Bindemittel wird schwächer, während
persönliche Identität und Interessen die Zugehörigkeit zu einer lokalen
Gemeinschaft abhängig von bestimmten Bedingungen werden lassen.
Probleme würden vor allem verursacht durch zu große kulturelle
Unterschiede (Super-Diversity) und erodierende zivile Werte, durch
politischen Extremismus und eher von Frauen bzw. weiterhin von Männern
beherrschten Gesellschaften. "Bürgerjournalisten", Blogger und
Webseiten, die News in Echtzeit und ungefiltert weltweit verbreiten,
schwächen die Mainstreammedien und führen nach Ansicht der Militärs zu
einer "Echtzeit-Nachrichtenumgebung", die die redaktionelle Prüfung
schwächt. Vor allem für die Kriegsführung wird das Umfeld durch die
Medien in allen Formen erschwert, die die öffentliche Meinung
beeinflussen.
Die Globalisierung nehme weiter zu, ebenso die Kluft zwischen den Armen
und Reichen. Das werden sich besonders in den Städten zeigen. Ein
Viertel der armen Weltbevölkerung wird in den Städten leben, die
besonders in der Dritten Welt explosiv weiter wachsen. 60 Prozent der
Menschen werden in 30 Jahren in Städten leben - zunehmend in Slums. Die
Ungleichheiten werden Unruhen, Kriminalität und Konflikte schüren und
können zum Wiederaufleben von antikapitalistischen Ideologien und
religiösen, anarchistischen oder nihilistischen Bewegen führen, aber
auch "zum Populismus und der Wiederkehr des Marxismus". Anfällig sei
besonders die Mittelschicht, die durch den zunehmenden Abstand zu den
Superreichen für einen neuen Marxismus anfällig werden und sich
transnational zum "Mittelklasseproletariat" verbinden könnte.
Innerhalb von 30 Jahren werde vermutlich eine Megacity unkontrollierbar
werden. Es könne sich auch um eine Reihe von Städten handeln, die auch
den Zusammenbruch ganzer Staaten nach sich ziehen können. Das könne zu
andauernden Stadtkämpfen führen und erfordere neue militärische
Strategien, um die Kontrolle wiederherzustellen.
China wird als Wirtschafts- und Militärmacht wichtiger, die USA müssen
ihre Politik verändern und sich einer multipolaren Welt mit Akteuren
wie Russland, Brasilien, Indien, Indonesien etc. anpassen, allerdings
werde der Anti-Amerikanismus noch lange erhalten bleiben.
Transnationale Kriminalität und internationaler Terrorismus bleiben die
Kehrseite der Globalisierung und der globalen Ungleichheit, zudem werde
es mehr Staaten, Regionen und Städte geben, die keiner staatlichen
Kontrolle unterliegen und die die Weltsicherheit gefährden. Nordkorea
wird "explodieren", der Nahe Osten instabil bleiben. Der Konflikt
Indien und Pakistan birgt weiterhin Gefahren, die USA lösen sich von
Europa, das trotz EU-Erweiterungen stagnieren werde. Die Vereinten
Nationen werden, sollten die Reformen scheitern, an Bedeutung verlieren.
Die neuen Konfliktgebiete liegen im Cyberspace, in den großen Städten
und im nahen Weltraum
Für das Militär stehen in den alternden Gesellschaften schwere Zeiten
bevor, weil es immer weniger junge Menschen gibt, die sich als Rekruten
werben lassen. Folge werde sein, Soldaten möglichst weitgehend durch
Techniken zu ersetzen, sie vom Ausland anzuwerben oder Söldner
einzustellen. Frauen werden zunehmend alle Positionen in Armeen
einnehmen, was auch zu Komplikationen mit Alliierten und Gegnern führen
könne. Wo die Wirtschaftslage schlecht ist, werden die
Verteidigungsausgaben sinken, überdies werde die Stellung des Militärs
in den reichen und alternden Gesellschaften durch die Erosion der Werte
und das Fehlen einer "definierten, verstehbaren militärischen
Bedrohung" schwächer.
Bis 2035 rechnet man im britischen Verteidigungsministerium mit der
Existenz von EMP-Waffen (electromagnetic pulse), mit denen man gezielt
alle Kommunikationssysteme in einem bestimmten Gebiet, beispielsweise
in einer Stadt, lahm legen kann. Auch die Weiterentwicklung von
Neutronenbomben hält man für möglich. Mit ihnen bleibt die
Infrastruktur erhalten, während alles Lebendige eliminiert wird. Man
denkt offenbar daran, dass "in einer zunehmend dichter bevölkerten
Welt" Neutronenbomben zu einem geeigneten Mittel werden könnten, um
schnell und umfassend "ethnische Säuberungen" durchzuführen. Bewaffnete
Roboter oder andere Systeme mit Waffen, die ohne Steuerung durch
Menschen töten, werden rechtliche und moralische Probleme entstehen
lassen. Damit könnten chemische, biologische oder nukleare Waffen
eingesetzt werden.
Ganz allgemein werde es in Zukunft billigere und tödlichere Waffen
geben. Das werde sich besonders in instabilen Regionen auswirken, in
denen das Militär nicht stark ist, aber auch dazu führen, dass die
Unterschiede zwischen Ländern mit hochgerüsteten Truppen und
Entwicklungsstaaten oder nicht-staatlichen Kampfgruppen schwindet. Auch
Massenvernichtungswaffen werden sich verbreiten.
Technisch werden die ersten Nano-Bots ab 2020 realisiert sein,
biotechnologisch wird es implantierte Chips geben, die kognitive
Fähigkeiten wie das Gedächtnis verbessern, auch Prothesen oder neue
Sensoren werden die kognitive Leistungsfähigkeit des Menschen
verbessern. Gerechnet wird auch mit Chips, mit denen sich Informationen
aller Art direkt ins Gehirn einspeisen lassen. Man setzt auch auf
weitere große Fortschritte in der Pharmakologie, in der Gentechnologie
und im Einsatz von Stammzellen. Ansonsten erwartet man den Ausbau von
Netzwerktechnologien und den Einsatz von kognitiven Strategien zu deren
Kontrolle, Verbesserung und Selbstreparatur. Die zunehmende Verwendung
von Künstlicher Intelligenz wird zwar Menschen ersetzen können, aber
gleichzeitig eine Einfallstür für Kriminelle und Terroristen sein.
Allerdings werde sich die technische Überlegenheit zwischen den
bisherigen Industriestaaten und den sich entwickelnden Staaten
verkleinern. Und die Militärs erwarten mit dem technischen Fortschritt
die Ankunft einer "Überwachungsgesellschaft", mit der die bürgerlichen
Freiheiten schrumpfen werden.
Kriege zwischen Staaten seien kaum mehr zu befürchten. Bürgerkriege,
gesellschaftliche Konflikte, Aufstände, Terrorismus und kriminelle
Banden würden die größten Risiken darstellen, wobei sich militärische
und andere gesellschaftliche Dimensionen verschwimmen. Konflikte sollen
vorwiegend in neuen "Gebieten" stattfinden: im Cyberspace, im Weltraum
und in großen Städten. Zudem werden die Staaten mehr und mehr Systeme
in unterirdischen Anlagen sichern oder in ziviler Infrastruktur
einbetten.
Und plötzlich und unerwartet könnten viele "Schocks" entstehen: ein
Zusammenbruch des globalen Finanzsystems, ganz Afrika als
"gescheiterter" Kontinent, eine Katastrophe in China,
Sezessionsbewegungen in den USA, ein Aufstand der Jugend gegen die
Alten, internationale Netzwerke von Städten, die die Souveränität der
Staaten untergraben, oder das Ende der Fischversorgung durch das
Leerfischen, wodurch die größte Proteinquelle der Menschheit verloren
ginge. Möglich wäre auch eine Koalition von Terroristengruppen, die
nach dem nächsten Generationenwechsel bei den islamistischen
Terroristen entstehen könnte. Nationalisten, religiöse Extremisten und
radikale Umweltschützer könnten eine solche weltweite "terroristische
Koalition der Willigen" bilden.
LINKS
(1)
http://www.mod.uk/DefenceInternet/AboutDefence/CorporatePublications/Doc
trineOperationsandDiplomacyPublications/DCDC/GlobalStrategicTrends200720
36.htm
Telepolis Artikel-URL: http://www.heise.de/tp/r4/artikel/25/25044/1.html
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