[heise] TELEPOLIS: Kampf um die Ressourcen und direkte Eins...

eugen at leitl.org <eugen at leitl.org> on Thu Apr 12 14:19:38 UTC 2007

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Kampf um die Ressourcen und direkte Einspeisung von Informationen ins 
Gehirn
Florian Rötzer 10.04.2007

Ein Bericht des britischen Verteidigungsministeriums listet alle 
möglichen Risiken und Schocks der Zukunft von Neutronenbomben über 
autonome Kampfroboter bis zum neuen Marxismus der Mittelklasse und der 
Klimaerwärmung auf

Das britische Verteidigungsministerium hat in einem  Bericht (1) 
versucht, die "globalen strategischen Trends" für die nächsten 30 Jahre 
abzuklopfen. Beim Development Concepts and Doctrine Centre (DCDC), das 
für die Erstellung des Berichts verantwortlich ist, denkt man durchaus 
futuristisch. Das britische Militär müsse sich auch auf die Folgen des 
Klimawandels einstellen, für den es "überzeugende Beweise" gebe, aber 
man müsse auch mit der Militarisierung des Weltraums rechnen, während 
EMP-Waffen zum Einsatz kommen können oder Chips in die Gehirne der 
Menschen einwandern.

Konteradmiral Chris Parry, der Leiter des DCDC, erklärte 
sicherheitshalber, dass die im Bericht erwähnten Trends zwar die 
wahrscheinlichsten Entwicklungen darstellen würden, aber dass es viele 
Ungewissheiten gebe, weil man von zahlreichen Variablen ausgehen müsse 
und alles mit allem zusammenhänge. Für viele Trends würden nur 
ungewisse Belege vorliegen, manchen seien auf politische Entscheidungen 
gegründet, die sich schnell ändern können. Parry gibt sich fast schon 
philosophisch, wenn er sinniert, dass die Zukunft zwar meist eine Folge 
der Entwicklungen in Vergangenheit und Gegenwart sei, aber dass die 
"Macht von Zufall und Überraschung" weiterhin eine Konstante bleibe. 
Thematisiert wird in dem 100seitigen Bericht so ziemlich alles, was 
sich denken lässt. Versucht wird, die Wahrscheinlichkeit der Szenarien 
festzulegen und alternative Entwicklungen abzuschätzen. Sicher ist man 
sich, dass sich in den nächsten 30 Jahren "alle Aspekte des 
menschlichen Lebens in einer bislang nicht vorhandenen Geschwindigkeit" 
verändern werden.

Ganz zu Beginn werden gleich die Folgen des Klimawandels erörtert, für 
den es "überzeugende Beweise" gebe. Die Verwüstung nehme zu, während 
andere Gebiete überschwemmt würden. Man müsse mit schweren Stürmen, 
Überschwemmungen und anderen Naturkatastrophen vermehrt rechnen. In 
einer dicht bevölkerten Welt wird sich mit der Klimaveränderung der 
Zugang zu Wasser, Lebensmitteln und bewohnbarem Land verändern, 
Krankheiten werden sich ausbreiten. Erwartet wird eine hohe 
"Politisierung" des Themas. Die instabilsten Regionen werden diejenigen 
sein, die von unterschiedlichen negativen Umweltfaktoren betroffen 
sind. Der Kampf um Ressourcen werde schärfer, was auch zu großen 
Migrationsströmen und schnellen Wanderungsbewegungen führt. Humanitäre 
Interventionen werden häufiger, Ressourcen, allen voran Öl, Gas und 
andere Bodenschätze, müssen nach Ansicht der Militärs zunehmend 
"gesichert" werden.

Die zunehmend multikulturellen Länder verändern ihre Identität, auch 
durch die Vernetzung, die virtuelle Gemeinschaften oder eine virtuelle 
Diaspora ermöglicht. Die Orientierung an Nationalität oder Herkunft als 
soziales und staatliches Bindemittel wird schwächer, während 
persönliche Identität und Interessen die Zugehörigkeit zu einer lokalen 
Gemeinschaft abhängig von bestimmten Bedingungen werden lassen. 
Probleme würden vor allem verursacht durch zu große kulturelle 
Unterschiede (Super-Diversity) und erodierende zivile Werte, durch 
politischen Extremismus und eher von Frauen bzw.  weiterhin von Männern 
beherrschten Gesellschaften. "Bürgerjournalisten", Blogger und 
Webseiten, die News in Echtzeit und ungefiltert weltweit verbreiten, 
schwächen die Mainstreammedien und führen nach Ansicht der Militärs zu 
einer "Echtzeit-Nachrichtenumgebung", die die redaktionelle Prüfung 
schwächt. Vor allem für die Kriegsführung wird das Umfeld durch die 
Medien in allen Formen erschwert, die die öffentliche Meinung 
beeinflussen.

Die Globalisierung nehme weiter zu, ebenso die Kluft zwischen den Armen 
und Reichen. Das werden sich besonders in den Städten zeigen. Ein 
Viertel der armen Weltbevölkerung wird in den Städten leben, die 
besonders in der Dritten Welt explosiv weiter wachsen. 60 Prozent der 
Menschen werden in 30 Jahren in Städten leben - zunehmend in Slums. Die 
Ungleichheiten werden Unruhen, Kriminalität und Konflikte schüren und 
können zum Wiederaufleben von antikapitalistischen Ideologien und 
religiösen, anarchistischen oder nihilistischen Bewegen führen, aber 
auch "zum Populismus und der Wiederkehr des Marxismus". Anfällig sei 
besonders die Mittelschicht, die durch den zunehmenden Abstand zu den 
Superreichen für einen neuen Marxismus anfällig werden und sich 
transnational zum "Mittelklasseproletariat" verbinden könnte.

Innerhalb von 30 Jahren werde vermutlich eine Megacity unkontrollierbar 
werden. Es könne sich auch um eine Reihe von Städten handeln, die auch 
den Zusammenbruch ganzer Staaten nach sich ziehen können. Das könne zu 
andauernden Stadtkämpfen führen und erfordere neue militärische 
Strategien, um die Kontrolle wiederherzustellen.

China wird als Wirtschafts- und Militärmacht wichtiger, die USA müssen 
ihre Politik verändern und sich einer multipolaren Welt mit Akteuren 
wie Russland, Brasilien, Indien, Indonesien etc. anpassen, allerdings 
werde der Anti-Amerikanismus noch lange erhalten bleiben. 
Transnationale Kriminalität und internationaler Terrorismus bleiben die 
Kehrseite der Globalisierung und der globalen Ungleichheit, zudem werde 
es mehr Staaten, Regionen und Städte geben, die keiner staatlichen 
Kontrolle unterliegen und die die Weltsicherheit gefährden. Nordkorea 
wird "explodieren", der Nahe Osten instabil bleiben. Der Konflikt 
Indien und Pakistan birgt weiterhin Gefahren, die USA lösen sich von 
Europa, das trotz EU-Erweiterungen stagnieren werde. Die Vereinten 
Nationen werden, sollten die Reformen scheitern, an Bedeutung verlieren.

Die neuen Konfliktgebiete liegen im Cyberspace, in den großen Städten 
und im nahen Weltraum 

Für das Militär stehen in den alternden Gesellschaften schwere Zeiten 
bevor, weil es immer weniger junge Menschen gibt, die sich als Rekruten 
werben lassen. Folge werde sein, Soldaten möglichst weitgehend durch 
Techniken zu ersetzen, sie vom Ausland anzuwerben oder Söldner 
einzustellen. Frauen werden zunehmend alle Positionen in Armeen 
einnehmen, was auch zu Komplikationen mit Alliierten und Gegnern führen 
könne. Wo die Wirtschaftslage schlecht ist, werden die 
Verteidigungsausgaben sinken, überdies werde die Stellung des Militärs 
in den reichen und alternden Gesellschaften durch die Erosion der Werte 
und das Fehlen einer "definierten, verstehbaren militärischen 
Bedrohung" schwächer.

Bis 2035 rechnet man im britischen Verteidigungsministerium mit der 
Existenz von EMP-Waffen (electromagnetic pulse), mit denen man gezielt 
alle Kommunikationssysteme in einem bestimmten Gebiet, beispielsweise 
in einer Stadt, lahm legen kann. Auch die Weiterentwicklung von 
Neutronenbomben hält man für möglich. Mit ihnen bleibt die 
Infrastruktur erhalten, während alles Lebendige eliminiert wird. Man 
denkt offenbar daran, dass "in einer zunehmend dichter bevölkerten 
Welt" Neutronenbomben zu einem geeigneten Mittel werden könnten, um 
schnell und umfassend "ethnische Säuberungen" durchzuführen. Bewaffnete 
Roboter oder andere Systeme mit Waffen, die ohne Steuerung durch 
Menschen töten, werden rechtliche und moralische Probleme entstehen 
lassen. Damit könnten chemische, biologische oder nukleare Waffen 
eingesetzt werden.

Ganz allgemein werde es in Zukunft billigere und tödlichere Waffen 
geben. Das werde sich besonders in instabilen Regionen auswirken, in 
denen das Militär nicht stark ist, aber auch dazu führen, dass die 
Unterschiede zwischen Ländern mit hochgerüsteten Truppen und 
Entwicklungsstaaten oder nicht-staatlichen Kampfgruppen schwindet. Auch 
Massenvernichtungswaffen werden sich verbreiten.

Technisch werden die ersten Nano-Bots ab 2020 realisiert sein, 
biotechnologisch wird es implantierte Chips geben, die kognitive 
Fähigkeiten wie das Gedächtnis verbessern, auch Prothesen oder neue 
Sensoren werden die kognitive Leistungsfähigkeit des Menschen 
verbessern. Gerechnet wird auch mit Chips, mit denen sich Informationen 
aller Art direkt ins Gehirn einspeisen lassen. Man setzt auch auf 
weitere große Fortschritte in der Pharmakologie, in der Gentechnologie 
und im Einsatz von Stammzellen. Ansonsten erwartet man den Ausbau von 
Netzwerktechnologien und den Einsatz von kognitiven Strategien zu deren 
Kontrolle, Verbesserung und Selbstreparatur. Die zunehmende Verwendung 
von Künstlicher Intelligenz wird zwar Menschen ersetzen können, aber 
gleichzeitig eine Einfallstür für Kriminelle und Terroristen sein. 
Allerdings werde sich die technische Überlegenheit zwischen den 
bisherigen Industriestaaten und den sich entwickelnden Staaten 
verkleinern. Und die Militärs erwarten mit dem technischen Fortschritt 
die Ankunft einer "Überwachungsgesellschaft", mit der die bürgerlichen 
Freiheiten schrumpfen werden.

Kriege zwischen Staaten seien kaum mehr zu befürchten. Bürgerkriege, 
gesellschaftliche Konflikte, Aufstände, Terrorismus und kriminelle 
Banden würden die größten Risiken darstellen, wobei sich militärische 
und andere gesellschaftliche Dimensionen verschwimmen. Konflikte sollen 
vorwiegend in neuen "Gebieten" stattfinden: im Cyberspace, im Weltraum 
und in großen Städten. Zudem werden die Staaten mehr und mehr Systeme 
in unterirdischen Anlagen sichern oder in ziviler Infrastruktur 
einbetten.

Und plötzlich und unerwartet könnten viele "Schocks" entstehen: ein 
Zusammenbruch des globalen Finanzsystems, ganz Afrika als 
"gescheiterter" Kontinent, eine Katastrophe in China, 
Sezessionsbewegungen in den USA, ein Aufstand der Jugend gegen die 
Alten, internationale Netzwerke von Städten, die die Souveränität der 
Staaten untergraben, oder das Ende der Fischversorgung durch das 
Leerfischen, wodurch die größte Proteinquelle der Menschheit verloren 
ginge. Möglich wäre auch eine Koalition von Terroristengruppen, die 
nach dem nächsten Generationenwechsel bei den islamistischen 
Terroristen entstehen könnte. Nationalisten, religiöse Extremisten und 
radikale Umweltschützer könnten eine solche weltweite "terroristische 
Koalition der Willigen" bilden. 

LINKS

(1) 
http://www.mod.uk/DefenceInternet/AboutDefence/CorporatePublications/Doc
trineOperationsandDiplomacyPublications/DCDC/GlobalStrategicTrends200720
36.htm

Telepolis Artikel-URL: http://www.heise.de/tp/r4/artikel/25/25044/1.html

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