TELEPOLIS: Gesellschaft mit beschränkter Hoffnung
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Gesellschaft mit beschränkter Hoffnung
Jens Thomas 10.04.2007
Rechtspopulismus und Extremismus der Mitte: Beides auf dem Vormarsch?
Die Bürger in Deutschland erhoffen sich kaum mehr etwas von ihren
politischen Entscheidungsträgern, da bringt auch der kleine Höhenflug
der Wirtschaft bislang nichts. Dem Extremismus von Rechts öffnet das
Tür und Tor. Nur sind es nicht nur die Extremisten, die mittlerweile
den Glauben an die Regierung verloren haben
Man kann das Wort schon gar nicht mehr hören. Die "neue Mitte" ist
immer und überall. Mal ist es das Regierungsgemisch aus SPD-CDU, dann
ist es Berlins Szenekiez Friedrichshain, in den seit Jahren
neu-ökonomisch motivierte Westler ziehen. Auch der Extremismus gilt
plötzlich als "mittig", die Rede ist sogar vom neuen "Extremismus der
Mitte".
Die Mitte, so aufregend sie auf der einen Seite sein mag, so
beunruhigend ist sie auf der anderen Seite. Vor allem eine
fortschreitende Wahlapathie und Regierungsskepsis treiben bisweilen
Politikern, Wissenschaftlern und den Bürgern selbst breite Runzelfalten
auf die Stirn.
Man ist besorgt um Deutschland. "Das Volk hört weg" titelte Die Zeit
erst vor wenigen Wochen. Um aussagekräftige Zahlen brauchte man sich in
letzter Zeit auch wirklich nicht zu sorgen: Der Trend zur steigenden
Wahlenthaltung hat sich in Deutschland fortgesetzt - das gerade auf der
Landes- und Kommunalebene, aber auch bei der letzten Bundestagswahl war
die Wahlbeteiligung niedriger als je zuvor. Auch sind derzeit nur drei
von zehn Bundesbürgern mit der Arbeit der Bundesregierung zufrieden,
das ergeben die neusten Zahlen von Infratest-dimap (März 2007).
Selbst die momentane positive Beurteilung der Wirtschaftslage durch die
Bürger bringt der schwarz-roten Bundesregierung also noch keine großen
Pluspunkte. Generell sind die Bürger schon seit über 25 Jahren immer
weniger der Meinung, dass die richtigen Leute sie regieren, das stellt
der Berliner Politologe Oskar Niedermayer in seinem Buch "Bürger und
Politik" fest. Obwohl bis Ende der 80er Jahre noch meist die positiven
Beurteilungen gegenüber der Führungsriege überwogen haben.
Mehrheitsmarke des Misstrauens
Ist die Mitte noch zu retten? Der Missmut gegenüber der Regierung
scheint ungebremst, und doch verfallen die Bürger heute selbst in
Extremsituationen kaum in plakative Pauschalrhetorik. Der
CDU-Spendenskandal von 1999/2000 wurde beispielsweise von einer
Mehrheit der Bürger differenziert bewertet. Dem Ansehen der Politik hat
das trotzdem massiven Schaden zugefügt.
Das Misstrauen gegenüber der Regierung muss heute stark im Zusammenhang
mit den Politikskandalen der letzten Jahre, vor allem aber mit den
ökonomischen Verhältnissen gesehen werden. Die Mehrheitsmarke des
Misstrauens gegenüber der Institution Bundesregierung wurde schließlich
erstmals in der zweiten Hälfte der 90er Jahre unter der Regierung Kohl
überschritten, als die Bundesregierung 1997 deutliche Einschnitte ins
soziale Netz vornahm. Bei den Beurteilungen gegenüber der Institution
Bundestag sah das nicht viel anders aus. Und andere Zeiten sind das
heute auch nicht.
So lehnten Mitte 2005 fast drei Viertel der Bevölkerung weitere
Kürzungen von Sozialleistungen ab. Insbesondere beim Thema soziale
Gerechtigkeit gehen heute die Ansichten von Wählern und Gewählten nach
einer Studie der Bertelsmann-Stiftung weit auseinander. Politiker
halten demnach die Verteilung von Einkommen und Vermögen in Deutschland
mehrheitlich für gerecht, die Bürger nicht.
Umso beachtlicher ist es dann, dass die überwiegende Mehrheit der
Deutschen der Idee der Demokratie noch immer zustimmt, wenn es auch ein
starkes Ost-West-Gefälle gibt und auch knapp drei Viertel der
Westdeutschen die im Grundgesetz festgelegte Ordnung für die beste
Staatsform halten, bei den Ostdeutschen das aber nur etwa ein Drittel
sind.
Die Ostdeutschen sind auch mehr als die Westdeutschen mit dem
Funktionieren der Demokratie (Performanz) unzufrieden. Und doch meldete
Infratest dimap Ende letzten Jahres einen allgemeinen Tiefstand - zum
ersten Mal sei eine Mehrheit der Deutschen (51 Prozent) "weniger" oder
"gar nicht zufrieden" mit der "Art und Weise, wie die Demokratie in
Deutschland funktioniert".
Die Frage ist natürlich immer auch, was versteht man unter einer
Demokratie? Während für die Mehrheit der Ostdeutschen Gleichheit vor
Freiheit gilt, ist das bei den Westdeutschen umgekehrt. Und bei
genauerem Hinsehen zeigt sich auch, dass die absolute Mehrheit der
Bürger heute zwar dem Bundespräsident, dem Bundesverfassungsgericht und
auch der Polizei und der Bundeswehr als Teil der Demokratie vertraut,
zwei Drittel misstrauen aber den parteistaatlichen Institutionen - im
Frühjahr 2004 hatte dieser Trend zunächst einen Höchststand erreicht.
Die Parteien sind neben dem Bundesverfassungsgericht aber gerade die
Hüter der Demokratie. Sie diskutieren und verabschieden Gesetzestexte.
Das machen keine Umweltschutzorganisationen und auch keine
Bundeswehrtruppen. Nur ist heute eben nicht mehr klar, wer wo und auch
für was steht. Sind die Grünen noch für den Baum vor der Haustür,
bündelt die SPD noch Arbeitnehmerinteressen? Das waren einmal
rhetorische Fragen. Was aber unterscheidet heute noch SPD von CDU, CDU
von Grün und Grün von SPD? Viele Bürger wissen das nicht mehr.
Die Stunde der "Rattenfänger"?
Man ist skeptisch geworden in den ersten Reihen, Wähler und Gewählte
stehen sich verunsichert gegenüber, wenngleich man keineswegs von einem
Totalschaden im Verhältnis der Bürger zu den politischen Institutionen
sprechen kann. Soziologen attestierten dennoch bereits vor Jahren, das
sei die Stunde der "Rattenfänger" in der ersten allgemeinen
Verunsicherungsgesellschaft.
Wenn Großparteien keine passenden Antworten auf die dringlichsten
Fragen in der von Ulrich Beck ausgerufenen reflexiven und risikoreichen
Moderne hätten, würden Rechtspopulisten Wählerstimmen wie Gummibärchen
aus der Packung mogeln. In der Tat, in vielen Ländern Europas ist der
Rechtspopulismus auf dem Vormarsch: Ob in Form von Le Pens Front
National in Frankreich bereits seit über zwei Jahrzehnten oder wie im
Falle der vor drei Jahren umbenannten belgischen Vlaams Belang (ehemals
Vlaams Blok), die es mit geglättetem Programm durch die Mitte versucht,
indem sie Themen wie Kriminalität und Immigration auf die Agenda setzt.
Rechtspopulisten kommen aber nicht nur, sie gehen auch. Haider als
rechtspopulistisches Protomodell kam, sah, siegte und stürzte. Auch die
Lijst Pim Fortuyn (LPF) in den Niederlanden wurde nach dem Mord an Pim
Fortuyn im Jahre 2002 zwar zunächst auf Anhieb mit 26 Sitzen in die
Zweite Kammer gewählt, dann wollte sie aber plötzlich doch keiner mehr
wählen - Ende 2006 erhielten sie bei der vorgezogenen Parlamentswahl
mit einem Stimmanteil von 0,21 Prozent nicht mal mehr einen Sitz.
Extreme Positionen, die nicht als extremistisch eingestuft werden
In Deutschland ist eine rechtspopulistische Kraft allerdings bislang
nicht einmal erkennbar. Mit Ausnahme der Partei Rechtsstaatliche
Offensive unter Stramm-Jurist und Koks-Fan Schill gab es auch bis heute
keine nennenswerten Gehversuche. Die 1983 gegründeten Republikaner
proben sich schon seit Jahren als lachhafte rechtsradikale
Akklamationskulisse fern jeglicher Einflussnahme. Nur der NDP gelingt
es heute, sich als rechtsextreme Kraft zu etablieren und sich vor allem
für die Jugend als braune Spielwiese zu präsentieren.
Keine Frage, die weit verbreitete Desillusion treibt den rechten
Extremismus entschieden voran. Gerade die NPD machte in den letzten
Jahren aus Frust Programm. Sie hat die soziale Frage in den Mittelpunkt
ihrer Zielsetzung gerückt und versucht als selbst ernannte
"Fundamentalopposition" vom Seitenstreifen der Demokratie in die Mitte
zu drängen. Gleichwohl sind es heute nicht nur die Extremisten, die der
derzeitigen Darstellung der Regierung in Deutschland ablehnend oder
skeptisch gegenüber stehen.
Es ist vor allem ein Großteil der Bevölkerung, der der Politik heute
mit Misstrauen begegnet, der bisweilen auch extreme Positionen
vertritt, das aber keinesfalls als extremistisch einstuft. Wilhelm
Heitmeyer stellt diese Problematik seit über fünf Jahren mit seiner
Folge "Deutsche Zustände" zur Disposition (vgl. Deutsche Zustände 2006
(1)). 61 Prozent der Bürger Deutschlands ordneten sich im Jahre 2006
politisch dieser "Mitte" zu, was immer das auch alles sein kann. Und in
dieser Mitte steigen nicht nur Fremdenfeindlichkeit, Islamophobie und
das Einfordern von Etabliertenvorrechten. In dieser Mitte grassieren
vor allem auch Abstiegsängste, es herrscht breite Skepsis, Wahlapathie
und Missmut gegenüber den Parteien.
Konkurrenzdruck für Parteien durch andere politischen
Beteiligungsformen
Man darf dennoch nicht den Fehler machen, die Rechnung eins zu eins mit
dem Wirt begleichen zu wollen. Weder ist der Zusammenhang von
"fremdenfeindlichen" Einstellungen, Regierungsskepsis und Wahlapathie
zwingend, noch muss die weit verbreitete Wahlenthaltung, auch die
Skepsis gegenüber der Regierung und ein zunehmender
Parteienmitgliederschwund gleich das Ende der Demokratie bedeuten. Das
liest sich zwar brauchbar und geht runter wie kühles Bier an deutschen
Stammtischen, bleibt aber analytisch hemdsärmlig. Denn der Rückzug von
der herkömmlichen Politik ist auch dem Umstand geschuldet, dass
Parteien und Politiker heute zunehmend dem Konkurrenzdruck gegenüber
anderen politischen Beteiligungsformen ausgesetzt sind.
Dazu gehören nicht nur die Bürgerinitiativen und die "neuen" sozialen
Bewegungen, die sich seit den 60er Jahren herausgebildet haben, auch
die neuen Beteiligungsformen im Netz. Wer heute politisch aktiv ist
braucht keinen Parteiausweis. Institutionenskepsis, fehlende
Parteiidentifikation und die Distanz zu den Parteien sind nicht nur
unmittelbar Zeugnis von Frust - das können sie auch sein. Sie zeugen
vor allem auch von Selbstbestimmtheit und zunehmender
Bindungslosigkeit. Sie sind auch ein Resultat der Individualisierung
seit 68.
Rückgang der Wahlbeteiligung - Einfallstor für Rechts?
Bedenklich wird es nur, wenn die Bürger immer weniger von ihrem
Stimmrecht Gebrauch machen. Je unwichtiger eine Wahl empfunden wird,
desto seltener wird auf den Wahlzetteln angekreuzt. Die Bundesebene
steht da noch an der Spitze der Wichtigkeit, dann folgt die Landes- und
Kommunalebene, das Schlusslicht bildet die Europawahl. Die
Wahlbeteiligung ist - neben Faktoren wie dem sozio-ökonomischen Status,
dem Alter, der Konfession oder dem Geschlecht - aber auch eine Art
Nutzenabwägung. Durch eine gute Wahlvorfeldanalyse ist heute bereits
vor dem Wahlausgang relativ klar, wer wie hoch welche Prozentpunkte
einfährt, wenn auch die in Umfragen ermittelte Wahlbeteiligung höher
ist als die tatsächliche. Warum soll man sich da noch sonntags vor dem
Tatort ins Wahllokal quälen?
Den klassischen Nicht-Wähler aber, da ist sich die Forschung einig
geworden, gibt es nicht. Bis weit in die 60er Jahre war er auch eine
Phantombeschreibung. Die Beteiligungsquote bei den Wahlen in den 50ern
und 60ern variierte schließlich zwischen 85 und 90 Prozent. Erst
nachdem es 1972 unter Kanzler Brandt einen Höchststand der
Wahlbeteiligung von 91,1 Prozent gegeben hatte, ging die
Bundestagswahl-Quote seit Mitte der 70er Jahre kontinuierlich zurück.
Bei der ersten gesamtdeutschen Wahl 1990 erreichte die Wahlbeteiligung
dann mit 77,8 Prozent einen ersten Tiefstand. Sie wuchs zwar
anschließend wieder und pendelte in den folgenden drei Bundestagswahlen
um die 80-Prozent-Marke. Bei der letzten Bundestagswahl ging die
Beteiligung dann aber wieder in Richtung Keller: Mit nur 77,7 Prozent
Wahlbeteiligung (2002: 79,1 Prozent) war das das niedrigste Ergebnis
einer Bundestagswahl überhaupt.
Gleichzeitig können sich rechtsextreme Parteien heute über eine
abnehmende Wahlbeteiligung nicht beschweren, sie legten in den letzten
Jahren zu, wenn sie auch auf Bundesebene bislang relativ erfolglos
blieben - die NPD rauschte zuletzt 1969 mit 4,3 Prozent der
Zweitstimmen bei einer Bundestagswahl an der 5-Prozent-Hürde vorbei.
Gerade aber auf Landes- und Kommunalebene mehren sich seit den 90er
Jahren Wahlerfolge von Rechts, insbesondere der NPD. An rechten
Wahlerfolgen und einer fortschreitenden Wahlenthaltung ändert dann auch
die Tatsache nichts, dass das Interesse an Politik heute sogar höher
ist als 1960, wenn es auch jüngst im Vergleich zu 2006 leicht
rückläufig war.
Laut FGW-Politbarometer interessierten sich im März 2007 knapp die
Hälfte der Bevölkerung "sehr stark" oder "stark" für Politik. Dieser
Wert ist schon seit längerem mit geringen Abweichungen (+/- 3 bis 4
Prozentpunkte) relativ stabil. 1960 waren das aber erst 27 Prozent, die
sich in den Umfragen des IfD Allensbach politisch interessiert zeigten.
Natürlich lassen sich diese Zahlen aufgrund zweier verschiedener
Forschungsinstitute und verschiedener Antwortangaben nicht absolut
vergleichen, ein Trend ist dennoch erkennbar.
Und trotzdem wollen heute viele nicht mehr wählen, wenn es auch die mit
der Demokratie Zufriedenen noch immer stärker als die Frustrierten in
die Wahlurnen treibt und vieles dafür spricht, dass es heute gerade ein
Großteil der politisch Nicht-Interessierten mit dem Wählen lieber ganz
bleiben lässt. Rechte Parteien wiederum profitieren von den politisch
und materiell Unzufriedenen, den Unentschlossenen aber auch von den
politisch Nicht-Interessierten, die sonst womöglich gar nicht wählen
gehen.
Die Bürger fühlen sich politisch kompetenter, von den Parteien aber
nicht ernst genommen
Dass das politische Interesse im Laufe der Jahrzehnte gewachsen ist und
sich viele dennoch nicht repräsentiert fühlen, das ist gerade zu einem
Problem für die Großparteien geworden. Die Bürger verstehen sich heute
mehr als vor Jahrzehnten als beeinflussende Subjekte. Almond und Verba
hatten diesen Wandel bereits vor über 40 Jahren mit einem Übergang vom
"Parochialismus" zu einer "modernen Staatsbürgerkultur" beschrieben.
Sich als beeinflussendes Subjekt zu verstehen hieß, das Individuum in
den Mittelpunkt zu rücken. Es hieß aber auch, sich selbst als wichtig
zu nehmen und auch an der eigenen Entfaltung festzuhalten. In Folge der
Wohlfahrtstaatsentwicklung stieg nicht nur das politische Interesse
beim Bildungsbürgertum, auch das politische Kompetenzgefühl wuchs,
insbesondere das wahrgenommene Verständnis von politischen Vorgängen
und in abgeschwächter Form auch die eigene wahrgenommene
Einflussmöglichkeit auf die Politik. Dem steht heute nur ein seit Mitte
der 70er Jahre geschwundenes politisches Responsivitätsempfinden
gegenüber. Die Bürger fühlen sich von der Führungsschicht kaum noch
ernst genommen und haben kaum noch das Gefühl, dass die Parteien und
Politiker auf ihre Interessen eingehen und sich auch responsiv
verhalten. Das ist das eigentliche Problem.
Gerade weil die ökonomische Lage für zu wenig Heiterkeit sorgt, trauen
viele der Politik dann einfach nicht mehr. Politik kann ein Gefühl
staatlicher Fürsorge kaum noch transportieren, da richten auch die
neuen Arbeitsmarktdaten mit positiver Tendenz nichts aus. Der eigene
Arsch gehört selbst gepflegt. Selbstbezogenheit als Folge von möglicher
oder tatsächlicher Arbeitslosigkeit wird dann zu einem Problem für die
Regierung. Richard Sennett hatte das in seinem Buch "Verfall und Ende
des öffentlichen Lebens" so formuliert, dass dem Politiker immer
weniger geglaubt werde, wenn man zu sehr an sich selber glauben müsse.
Die Abkehr von der Politik ist auch die Hinführung zum eigenen Selbst.
Was hat das wiederum mit dem Extremismus der Mitte zu tun?
Extremismus als Erlebniswelt
Extremistische Positionen finden gerade darum heute breiten Zuspruch,
weil der Extremismus der Mitte nicht mit altmuffigen Hierarchien
daherkommt. Es wächst eben nicht das lineare Verlangen nach einer
Umkehr zu "alten Ordnungen", wie das Werner A. Perger in Die Zeit in
Anlehnung an Ralf Dahrendorf formuliert, wenn man sich auch nach
Gewissheiten sehnt. Der Extremismus und auch der Extremismus der Mitte,
und beides bedingt sich gegenseitig, bieten vielmehr Platz für
selbstoptimierenden Individualismus.
Der Extremismus profitiert geradezu von jenen Fragmentierungen und
Überlappungen, die erst aus den Strukturbrüchen der "partizipatorischen
Revolution" (Max Kaase) der 60er Jahre hervorgegangen sind. Dagegen
baut die extreme Rechte zwar offiziell ein theoretisches Gerüst auf, es
öffnet dem Extremismus aber trotzdem Tür und Tor. Durch jene
Überlappungen und Überschneidungen ist der Extremismus schließlich
immer weniger als solcher erkennbar, extreme Positionen konnten sich so
auch in die Mitte verlagern.
Die große Unüberschaubarkeit brachte nicht nur breite Verunsicherung
ins Land und auf die Dörfer, von der der Extremismus der Mitte heute
profitiert. Der Extremismus und gerade der Extremismus der Mitte sind
im Gegensatz zum Extremismus der Mitte Hitlerscher Zeit auch an der
Demokratie geschult und am Individualismus erprobt.
Denn im Argumentationswinkel der Demokratie weiß man mittlerweile sehr
wohl, dass biologisch induzierte und allzu offensichtliche Rassismen
nicht wie ein Ball aus dem Seitenaus in die demokratische Spielhälfte
geworfen werden. Soviel konnte man in einem halben Jahrhundert
Demokratieerziehung lernen. Das ist am rechten Rand genauso angekommen
wie im politisch korrekten Mittelfeld. Darum ist es auch kaum
verwunderlich, dass sich heute ein Großteil der Bevölkerung politisch
dieser "Mitte" zuordnet, sich teils gar gegen Rechts stemmt, dennoch
rassistisch-chauvinistisch argumentiert.
Gerechtfertigt wird das dann in der Regel mit Verweis auf die Probleme
am Arbeitsmarkt und einer Unvereinbarkeit von Kulturen. Wenn
Arbeitsplätze knapp werden, sollen Migranten eben gehen und zwischen
den Kulturen knallt es ohnehin. Wenn das dann auch ein Großteil der
Bevölkerung so sieht, kann es schon nicht so schlimm sein. Zudem ist
der Extremismus heute von Thor Steinar bis Masterrace eine
Erlebniswelt, in der Jugendliche auf jeder Kirmis gut können.
Darum ist auch der Übergang vom Rechtsextremisten zum "normalen"
Dorfjugendlichen oftmals fließend. Und wenn sich auch der Extremismus
in der Mitte als subjektgerechter Erlebnispark erwiesen hat, fängt er
dennoch gerade das ein, was die Individualisierung gewissermaßen
lostrat, aber nicht mehr einzufangen wusste: Auf die breite
Verunsicherungen in der Gesellschaft klare Antworten zu haben.
Erlebniswelt als Problem für die Politik
Die Crux ist nun, dass die Skepsis gegenüber der Regierung nicht nur
Zeugnis von breiter Desillusion aufgrund der wirtschaftlichen Situation
der letzten Jahre ist, die dem Extremismus und auch dem Extremismus der
Mitte Tür und Tor öffnete. Das, was den Extremismus erst anschlussfähig
machte, ist wiederum ein Dilemma parteienzentrierter Politik: Auch sie
muss heute Teil dieser Erlebniswelt sein, alles andere wäre stumpf,
antiquiert und nicht zeitgemäß. Zum Problem für die Großparteien wird
das nur, wenn es den Anschein erweckt, Politik verliere dadurch das
Wesentliche aus dem Auge.
Politik ist in der "medialen Erlebnisgesellschaft" (Andreas Dörner)
bemüht, die Karten im Spiel um mögliche Eventualitäten passend auf den
Tisch zu legen. Sie will im medialen Abendangebot von
Vielkanalbedingungen gute Miene zum politischen Programm machen. Die
SPD gab sich da schon vor Jahren mit ihrem Popbeauftragten Sigmar
Gabriel die größte Mühe. Die Grünen wiederum hatten mit Joschka Fischer
irgendwann nicht mehr einen mit Turnschuhen im Bundestag. Fischer
machte sein Erscheinungsbild zum Hobby und rannte figurbedacht mit
Turnschuhen durch die Bundesrepublik, versuchte es lieber mit Anzug im
Außenministerdasein. Auch Gerhard Schröder wollte mit Brioni-Anzug gute
Figur zur politischen Miene machen und probte sich als SPD-Charles
Bronson im Unternehmertum.
Wo aber ist das Problem? Inszenierung gehörte schon immer zur Kunst
politischer Rhetorik, ob zu Zeiten des alten Athens auf der Agora oder
im römischen Senat. Darum ist auch der Einwand von Thomas Meyer
zunächst berechtigt, dass die "Motive der Selbstthematisierung" für die
Politik heute unter demokratischen Bedingungen nicht nur "legitim",
sondern vor allem "unvermeidlich" seien. Gleichwohl wird
Politikvermittlung immer mehr von Formen bestimmt, die am Wesentlichen
vorbeigehen. Andreas Dörner hat in "Politainment" treffend aufgezeigt,
wie sich hierzulande - teilweise nach amerikanischem Vorbild - eine
politische Unterhaltungskultur seit den 90er Jahren herausgebildet hat,
in der sich politische Information und Unterhaltung immer mehr
vermischen.
Politik wird noch immer im Windschatten medialer Aufmerksamkeit gemacht
Unpolitisch wird Politik dadurch aber trotzdem nicht. Das hätte
vielleicht die kläffende Journaille gerne, darum kommuniziert sie das
auch so. Und darum herrscht auch vielfach die Meinung vor, Politik sei
lediglich vom Impetus eitler Selbstbespiegelung und politischer
Inhaltslosigkeit getragen. Sicher ist der inszenatorische
Selbstdarstellungsdrang der Politik im Laufe der Jahre größer
geworden. Übersehen wird dabei jedoch, dass Politik noch immer im
Windschatten medialer Aufmerksamkeit gemacht wird. In den Ausschüssen,
in den Parteigremien werden Gesetzesvorhaben diskutiert, das geschieht
nicht auf der medialen Schaubühne.
So viel Spontaneität haben bislang weder CDU noch GRÜNE bewiesen. Auf
der medialen Schaubühne werden nur die Ergebnisse präsentiert. Und der
Selbstdarstellung eines Politikers sind auch Grenzen gesetzt.
Politische Inszenierung unterliegt nicht dem Diktat der Fernbedienung
politischer Akteure. Die Medien entscheiden, was sie hierzulande senden
und die Konsumenten bestimmen, was sie sehen wollen. Nur ist Politik
dabei einem Paradoxon ausgesetzt: Zum einen muss sie immer komplexere
Sachverhalte verstehen und darauf reagieren. Zum anderen ist die
Bewertung politischer Akteure durch die Medien eine Verknappung des
Wesentlichen.
Politik will Öffentlichkeit und die Öffentlichkeit will Politik. Daran
besteht kein Zweifel und da braucht einem auch keiner Leid tun. Bei den
öffentlich-rechtlichen Sendern fällt heute deutlich über die Hälfte der
Sendezeit in den Bereich Politik, Wirtschaft und Zeitgeschichte (bei
den Privaten ist das gut ein Drittel). Nur stehen sich Medien und
Politik seit den 90er Jahren in den Wahlkämpfen als konkurrierende
Akteure gegenüber. Bis Mitte der 40er Jahre des letzten Jahrhunderts
war das Verhältnis gegenüber den Parteien, in so genannten
"vormodernen" Wahlkämpfen, noch "dienend", das stellt die
Politikwissenschaftlerin Andrea Römmele in ihrem Buch "Direkte
Kommunikation zwischen Parteien und Wählern" fest.
Bis in die 90er Jahre war das Verhältnis "beeinflussend", seitdem ist
es "konkurrierend". Publizität wird darum zu Recht als Kontrollinstanz
von politischer Herrschaft begriffen. Für die Politik bedeutet das dann
so viel wie: Tief durchatmen und sich nicht aus der Ruhe bringen
lassen. Aber auch: Die zunehmende Konkurrenz im Nacken der
Aufmerksamkeit aushalten müssen und sich selbst beobachten. Thomas
Meyer spricht in diesem Sinne in seinem Buch "Mediokratie" sogar
mittlerweile von "vertauschten Rollen" für das Verhältnis von Medien
und Politik: Während in der Parteiendemokratie die Medien die Politik
beobachten sollten, damit sich die Staatsbürger eine vernünftige
Meinung von ihr bilden können, beobachten in der Mediendemokratie die
politischen Akteure das Mediensystem, damit sie lernen, wie sie sich
und was sie präsentieren müssen, um in den Medien überhaupt präsent und
attraktiv zu sein. Das wird Politik wiederum häufig zum Vorwurf
gemacht. Politik sei selbstreferentiell, ein narzisstisches Schauspiel
und würde unentwegt in der medial theatralischen Endlosschleife hängen.
Sind die Massenmedien Schuld an einer Politik-, Parteien- und
Systemverdrossenheit?
Sind die Massenmedien dann Schuld an der immer wieder zitierten
Politik-, Parteien- und Systemverdrossenheit? Soziologen und
Medienforscher streiten sich in diesem Punkt bis heute. Klare Antworten
haben sie nicht. Während der Kommunikationsforscher Hans Mathias
Kepplinger in der Darstellung von Politik in den Massenmedien eine
"Ursache der Politik- und Parteienverdrossenheit" sieht, zeigte die
Kommunikationswissenschaftlerin Christina Holtz-Bacha auf, dass nicht
die Mediennutzung als solche, sondern die Art der Nutzung entscheidend
sei. Gerade unterhaltende Medien würden zur politischen Entfremdung
beitragen.
Der Medienforscher Jens Wolling kommt wiederum zu dem Ergebnis, dass
"Vielnutzer" unterhaltender Medien und Medieninhalte ein "positiveres
Bild von der Politik" bei Strukturdimensionen wie der Identifikation
mit der politischen Gemeinschaft oder dem Institutionenvertrauen haben.
Die Einstellungen zur Politik würden im Wesentlichen auf "Erfahrungen"
beruhen - Medien, Medieninhalte aber auch nichtmediale Erfahrungen
spielten eine Rolle. Vor allem aber wirtschaftlicher Erfolg und
Wohlstand seien wesentliche Voraussetzung für die Unterstützung des
politischen Systems. Allgemein lässt sich sagen, dass viele Studien
nicht zwischen politischer Kompetenz und dem politischen
Responsivitätsgefühl differenzieren.
Es ist also oft nicht klar, was sich wie auf welcher Ebene auswirkt.
Und es wird in der Regel übersehen, dass es nicht "die" Nutzer
entsprechender Medien sein müssen, bei denen ein entsprechendes
Nutzungsverhalten eine mögliche Entpolitisierung vorantreibt.
Medienbeeinflussung erfolgt auch indirekt, durch ein Klima, das die
Medien wiederum erzeugen, und das für den Politiker heute weniger
vorteilhaft sein kann. Die Medien sind nicht Schuld, sie haben dennoch
Mitschuld an einer weit verbreiteten Parteienverdrossenheit und
Regierungsskepsis.
Politik hat es im Zeitalter eigener Wichtigkeit schließlich genauso
schwer wie die Bürger selbst. Alle wollen mitmachen, ins Web 2.0, die
Hosen mal hier runter lassen, mal da ins Webfenster winken. Politik
muss die Bürger darum mehr denn je repräsentieren, damit sie sich auch
"mitgenommen" (Angela Merkel) fühlen. Darum ist Politik auch um
Bürgernähe bemüht, nur ist die direkte Kommunikation zunehmend der
massenmedialen gewichen, insbesondere durch das Medium Fernsehen.
Politik sucht darum auch den Kontakt zum Publikum im
Unterhaltungsformat und eilt vom Ortsverband in die Talk-Show, wenn
schon in der Ortschaft wenig geht. TV-Duelle erfreuten sich zuletzt
auch in Deutschland an Beliebtheit. Was in den USA schon seit dem
Kennedy-Nixon-Showdown 1960 gängige politische Praxis ist, wurde
hierzulande erstmals auf Bundesebene zwischen den Kanzleraspiranten
Edmund Stoiber und Gerhard Schröder im Jahre 2002 unter 15 Millionen
Beobachtern ausgetragen.
Für die Politik bedeutet das nichts anderes als die Macht "in den
Verhältnissen" (Christian Meier) und nicht "über die Verhältnisse" zu
suchen, wenn sie sich medial einwechselt. Omnipräsenz statt Omnipotenz,
Omnipotenz durch Omnipräsenz. Was so viel heißt wie, dass Politik die
Bürger mehr als zuvor in Entscheidungsprozesse mit einbeziehen muss, um
überhaupt "mächtig" sein zu können. Und wenn sie das nicht kann, muss
sie zumindest so tun, als täte und könnte sie das. Das schafft sie nur
nicht. In die Hände wird schon länger nicht mehr vor Zufriedenheit
gespuckt, und da hilft es dann auch nicht, wenn alles miteinander soll
und kann, man auch Du zueinander sagen darf.
Wenn aber aus Per Du Persil wird, Politik als Waschmittelformat, als
käuflich angepasste Daseinsform erscheint, weil sie den Anschein
erweckt, sie hätte die Angelegenheit Deutschland nicht im Griff,
schwindet das Vertrauen in die Regierung. Und vor allem sät es einen
Nährboden für extreme Positionen, die nur als solche nicht wahrgenommen
werden (müssen), weil der Extremismus der Mitte längst den Weg in die
Verhältnisse gefunden hat.
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