TELEPOLIS: Schäubles Symptome

eugen at leitl.org <eugen at leitl.org> on Thu Apr 12 14:16:54 UTC 2007

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Schäubles Symptome
Peter Mühlbauer 10.04.2007

Trüben Traumata die Urteilsfähigkeit des Ministers?

"Um einen Lebenden zu verstehen, muss man wissen, wer seine Toten sind. 
Und man muss wissen, wie seine Hoffnungen endeten - ob sie sanft 
verblichen oder ob sie getötet wurden. Genauer als die Züge des 
Antlitzes muss man die Narben des Verzichts kennen." ( Manès Sperber 
(1))

In den  Blogs (2) wird heftig darüber spekuliert, und nicht nur in den 
Postings auf Heise  vermuten (3) es eine Menge Leser, sondern auch in 
den Foren von  Focus (4), dem  Tagesspiegel (5) und der  Süddeutschen 
Zeitung (6): leidet Schäuble nicht nur an den körperlichen Folgen des 
Attentats, sondern auch an einer traumatisierten Psyche, die seine 
Wahrnehmung entscheidend trübt? 

Posttraumatische Belastungsstörung 

Obwohl sich keine Ferndiagnosen stellen lassen und das Innenministerium 
über die Krankengeschichte des Ministers weit weniger umfassend 
Einsicht gibt, als es der Minister von seinen Bürgern gerne hätte, 
spricht einiges für das Vorliegen einer sogenannten Posttraumatischen 
Belastungsstörung (PTBS). Selbst wenn man die recht engen Kriterien der 
professionellen Psychologie für die Entwicklung einer solchen Störung 
anlegt - Todesgefahr oder schwere Verletzung -, kommt man im Fall 
Schäuble zum Ergebnis: das könnte passen. Naomi Breslau nahm in ihrer 
Studie von 1998 Schussverletzungen sogar als typisches Beispiel der 
PTBS-Auslöserkategorie "mit Waffe verletzt", die ihr zufolge bei 
Männern mit einer Wahrscheinlichkeit von 18,1% zu einer PTBS führt.

Würde Schäuble nicht auffällig handeln, könnte man immer noch davon 
ausgehen, dass mit einer Wahrscheinlichkeit von 4/5 keine 
Posttraumatische Belastungsstörung vorliegt. Aber Schäuble verhält sich 
auffällig und dieses auffällige Verhalten passt auffallend gut in die 
Symptomatik der Posttraumatischen Belastungsstörung. Vor allem die 
Hypervigilanz, die übersteigerte Schreckhaftigkeit, das Wahrnehmen 
abstrakter Gefahren als konkret und die dementsprechend falsche 
Interpretation dessen, was geeignet, erforderlich und angemessen ist. 
Das von Dr. Markos Maragkos im  Interview zu Posttraumatischen 
Belastungsstörungen (7) genannte Beispiel des durch einen Unfall 
traumatisierten Autofahrers, der zur Vermeidung der Gefahr das 
Autofahren ganz sein lässt, erinnert frappant an Schäubles Umgang mit 
der Verhältnismäßigkeit, wenn es um die Methoden zur Vermeidung 
zukünftiger Verbrechen geht.

Ein ganz anderes Leben als vorher 

Hinzu kommt, dass sich die Wahrscheinlichkeit zur Entwicklung einer 
Posttraumatischen Belastungsstörung erhöht, wenn der Betroffene nach 
dem Ereignis ein ganz anderes Leben führen muss als vorher. 

Seit Schäuble lebensgefährlich angeschossen wurde, ist er vom dritten 
Brustwirbel abwärts gelähmt und sitzt im Rollstuhl. Eine erhebliche 
Einschränkung: keine Sexualität mehr, und ein Angewiesensein auf fremde 
Hilfe bis hin zu den täglichen sehr privaten Verrichtungen.

Vor dem 12. Oktober 1990 verlief sein Leben in ausgesprochen geregelten 
Bahnen: Sohn eines Steuerberaters, Jurastudium, Promotion über die 
"Berufsrechtliche Stellung von Wirtschaftsprüfern in 
Wirtschaftsprüfungsgesellschaften", Eintritt in die Steuerverwaltung, 
Bundestag. Zu dieser Zeit interessierte sich Schäuble eher für Finanzen 
und machte während der Flick-Affäre durch einen Plan zur Amnestierung 
von Steuerhinterziehern auf sich aufmerksam.

Kurz vor dem Attentat übertrug ihm Helmut Kohl einen neuen, ungewohnten 
Aufgabenbereich: das Innenministerium mit den Zuständigkeiten für die 
innere Sicherheit. Das Attentat war der erste große Bruch in Schäubles 
Biografie - seitdem ging vieles schief für ihn. Kohl benannte ihn als 
Nachfolger und trat selbst wieder an, in der Spendenaffäre sagte die 
frühere CDU-Schatzmeisterin gegen ihn aus und der in die Affäre 
verwickelte Waffenhändler Schreiber beschuldigte ihn des Meineids. Zu 
guter Letzt scheiterte er sogar als selbsterklärter Kandidat für das 
Bundespräsidentschaftsamt peinlich an der eigenen Partei. In der 
Fernsehsendung "Schäubles Fall" führte der gelähmte Politiker die 
Spendenaffäre auf eine "Intrige mit kriminellen Elementen" zurück. Wer 
solche Verschwörungstheorien hegt, wird normalerweise nicht wieder in 
die große Politik vorgelassen - anders bei Schäuble. Die Berufung zum 
Innenminister im Kabinett Merkel war sein erster Erfolg seit damals - 
und eine Wiederholung der Ernennung von 1989, der bald darauf das 
Attentat folgte. 

Symptom "Vermeidung" 

Will Schäuble tief in seinem Innern eine Wiederholung dieses 
Ereignisses symbolisch vermeiden? Mit allen Mitteln? Mit dem 
grundgesetzwidrigen Ausbau der Überwachung, mit Präventivbefugnissen 
für das Bundeskriminalamt, mit dem Einsatz der Maut-Daten zur 
Strafverfolgung (mit dem er sich selbst zum Lügner stempelt), mit der 
unangekündigten Online-Durchsuchung (die alle Bürger in ständige 
Überwachungsangst versetzt und die freie Meinungsäußerung 
dementsprechend beeinflusst - bis hin zum Tagebucheintrag), mit bei 
Ämtern gespeicherten Fingerabdrücken und mit einigen Plänen für 
Grundgesetzänderungen, bis hin zum Einsatz der Bundeswehr im Innern?

Hinzu kommt, dass die Spekulationen nicht nur von Fremden kommen, 
sondern auch von Personen, die mit Schäuble persönlich Umgang haben - 
darunter nicht nur alte Parteigenossen, die meinen, er sei nach dem 
Attentat ein "völlig anderer" geworden, sondern auch Mitarbeiter von 
Länderministerien, die hinter vorgehaltener Hand Berichte von sich 
geben, welche über die gewohnten Spitzen unter Politikern weit 
hinausgehen: nämlich, dass Schäuble in Ausschusssitzungen "regelmäßig 
durchdreht" und ein "echt tragischer" Fall sei.  

War Schäuble nach dem Attentat in psychologischer Behandlung? Was wurde 
dort festgestellt? Litt er an einer Akuten Belastungsstörung? Sind 
etwaige akute psychische Symptome, die nach traumatischen Erlebnissen 
oft auftauchen, unbehandelt geblieben und haben sich chronifiziert? 
Über die ärztliche beziehungsweise psychologische Behandlung des 
Ministers nach dem Attentat schweigt sich das Innenministerium 
gründlich aus. Dabei wären die Antworten auf diese Fragen besonders im 
Lichte von Schäubles grundgesetzkritischen Äußerungen der letzten Zeit 
für die Öffentlichkeit durchaus von Interesse. Auch deshalb, weil sich 
eine Posttraumatische Belastungsstörung auf die Fähigkeit auswirken 
kann, Gefahrensituationen richtig einzuschätzen und angemessen auf sie 
zu reagieren: Die Einschätzung einer Gefahr durch einen Menschen, der 
an Posttraumatischer Belastungsstörung leidet, ist durchaus anders als 
die Einschätzung der gleichen Gefahr durch einen Menschen ohne diese 
Störung.

Klarheit bringen würde die Nennung der Behandlungen nach dem Attentat 
und eine Entbindung der behandelnden Ärzte von der Schweigepflicht. Ein 
keineswegs außergewöhnlicher Vorgang, der nicht nur privat 
Krankenversicherten, sondern auch Bewerbern für besonders sensible 
Berufe ganz alltäglich abverlangt wird. Warum also entschließt sich 
Schäuble nicht von sich aus zu diesem Schritt? Weil ihm der Datenschutz 
plötzlich wichtig geworden ist? Oder weil er Material ans Licht bringen 
könnte, das seine Eignung als Innenminister in Frage stellt?

Mehr zum Thema: Retraumatisierung und Hypervigilanzsymptome. Ein 
Interview mit Dr. Markos Maragkos zur Posttraumatischen 
Belastungsstörung (8)

LINKS

(1)  http://www.kuenstlerkolonie-berlin.de/bewohner/sperber.htm
(2) http://www.technorati.com/search/sch%C3%A4uble+trauma
(3) 
http://www.heise.de/newsticker/foren/go.shtml?read=1&msg_id=12528213&for
um_id=115095
(4) 
http://www.focus.de/politik/deutschland/pc-durchsuchung_aid_52703.html
(5) 
http://www.tagesspiegel.de/tso/aktuell/nachrichten/online-durchsuchungen
-schaeuble/98506.asp
(6) http://www.sueddeutsche.de/deutschland/artikel/390/108282/
(7) http://www.heise.de/tp/r4/artikel/25/25042/1.html
(8) http://www.heise.de/tp/r4/artikel/25/25042/1.html

Telepolis Artikel-URL: http://www.heise.de/tp/r4/artikel/25/25046/1.html

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